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Die Vision
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Zunehmende Veredelung
Die Evolutions-Vision von spirit.ch
Vorbemerkungen
Obwohl sich dieses Papier (auch) an ethikorientierte Investoren wendet,
ist es kein Masterplan und kein Businessplan. Nicht, weil wir etwas gegen
Geschäft oder gegen Meisterschaft hätten. Sondern weil uns der Begriff des
Plans suspekt ist.
Planwirtschaft hat sich als untaugliches Projekt erwiesen. Heut zu Tage
glauben nur noch Grossunternehmen und Kredit vergebende Banken daran. Wir übrigen
haben längst die Weisheit des Spruchs von Bert Brecht erkannt: »Erst machten
sie einen Plan. Dann machten sie noch einen Plan. Funktionieren taten sie alle
nicht.«
Als Zukunfts-Philosoph weiss ich, dass sich eine Entwicklung (nichts
anderes bedeutet der schöne Begriff „Evolution“) sehr wohl vorhersehen lässt
– nicht jedoch ihr Realisierungstempo. Da Pläne aber immer mit Zahlen und
Terminen arbeiten müssen, sind sie deshalb letztlich für die Katz. Es wäre
deshalb nicht sehr weise, diese Erkenntnis zu ignorieren und trotzdem
illusorische Pläne zu erstellen.
Viel besser eignet sich zur Darstellung der Zukunftsperspektiven eines
zukunftsorientierten Projekts die Form der Vision. Eine Vision zeigt in Form
einer fiktiven Geschichte aus einer künftigen Perspektive die mögliche und
wünschbare Entwicklung des Projekts und identifiziert dabei seine Chancen und
Potenziale, aber auch seine Risiken. Die Evolutions-Vision ermöglicht es damit
allen, die sich ein vertieftes Engagement für das Projekt spirit.ch: Für Nachhaltige LebensQualität überlegen, einen Blick in Ziele und Potenziale dieses Projekts.
Weil eine Vision umso attraktiver und überzeugender wirkt, je
anschaulicher sie gewandet ist, kleiden wir unsere Vision in die Form eines
fiktiven Artikels im von uns hoch geschätzten Wirtschaftsmagazin „brand eins“
aus dem Jahr 201X. Dass wir dieses Label benutzen, ist mit „brand eins“ nicht
abgesprochen, wird von uns jedoch als Kompliment für eines jener wenigen
Printmedien verstanden, welche die Assoziation „intelligent“ wirklich
verdienen...
Vordruck aus brand eins, August 201X
Zunehmende Veredelung
Wie die Wissensökonomie dank Verschränkung von
Gemeinsinn und Geschäftssinn funktionieren kann, führen zwei Überzeugungstäter
aus dem schweizerischen Appenzellerland vor, die Wissen rund um Lebensqualität
erzeugen und verbreiten. Und dabei ihre eigene Lebensqualität optimieren.
Text und Bilder: Xenia Futura
So ist mir die Ideallandschaft einer Spielzeugeneisenbahn im Kopf
geblieben: Wallende Hügel, abwechselnd vom helleren Wiesengrün und vom
dunkleren Waldesgrün gefärbt. Dahinter am Horizont schroff aufragende
Bergkämme. Und dazwischen hübsche kleine Dörfer und Einzelgehöfte. Das Bimmeln
von Kuhglocken dominiert die Geräuschkulisse. Ansonsten herrscht friedliche Ruhe.
Für ein gestresstes Grossstadtkind wie mich ist diese Umgebung
gleichbedeutend mit hoher Lebensqualität – vorübergehend. Auf Dauer wäre
mir hier, im kleinen Achthundertseelendorf Wald, auf über tausend Meter
Meereshöhe, denn doch zu wenig los. Doch bei meinem Besuch bei den Gründern und
Betreibern der Plattform spirit.ch: Für
Nachhaltige LebensQualität, Dr. Andreas Giger und Christian Engweiler,
kann ich für einen Moment verstehen, warum sich die beiden hier niedergelassen
haben.
»Dass der gleiche Lebensort für verschiedene Menschen unterschiedliche
Lebensqualität bedeutet, ist ein schönes Beispiel dafür, wie individuell die
Vorstellungen von Lebensqualität sein können«, meint Andreas Giger dazu
lächelnd. »Stadtmäuse haben nun mal auf dem Land eine tiefe Lebensqualität, und
Landmäuse in der Stadt. Zum Glück können wir heute auch unseren Lebensort ganz
nach unserem Lebensqualitäts-Gusto wählen.«

Giger und Engweiler haben diese Wahl bewusst getroffen, nachdem sie
verschiedene Lebensorte ausprobiert hatten. Seit Jahren leben sie nun, ob
Zufall oder nicht, getrennt nur durch einen zehnminütigen Fussmarsch mitten im
Grünen. Und dort arbeiten sie auch. Büros ausserhalb ihres Lebensbereichs
halten sie für überflüssigen Ballast. Und die Beschränkung auf das wirklich
Notwendige für eine ökonomische Tugend.
Solche Grundsätze passen in diese raue Landschaft, deren Bewohnern nie
mehr Ressourcen zur Verfügung standen als unbedingt nötig. Woraus sich eine
über Jahrhunderte erprobte und bewährte Form von nachhaltiger Landwirtschaft
entwickelte. Das Motto Für Nachhaltige
LebensQualität wirkt deshalb an diesem Ort authentisch und echt. Und
ebenso das Prinzip von spirit.ch, mit beschränkten Mittel einen optimalen
Ertrag zu produzieren. Nur dass dieser Ertrag hier nicht aus Käse besteht,
sondern aus Lebensqualitäts-Wissen.
Schlüsseltrend des Werte-Wandels
Lebensqualität braucht Selbstreflexion. So lautet eine der
Kernbotschaften von spirit.ch. Und dafür gibt es, wie Giger, der Spiritus
Rector des Projekts, glaubhaft versichert, in diesen Appenzeller Hügeln weitab
jeglicher städtischer Reizüberflutung reichlich Gelegenheit. Die er nutzte, um
allmählich zu entdecken, was ihn eigentlich antrieb, wenn es offenkundig weder
Geld noch Macht noch Erfolg im klassischen Sinne war, was der rote Faden seiner
Lebensgestaltung sein könnte, sein eigentlicher Leit-Wert: die Optimierung der
eigenen Lebensqualität.
Bei dieser Entdeckung halfen Giger, der nach der Devise lebt »trau
keinem Gedanken, den du nicht im Gehen verfasst hast!«, lange schöpferische
Spaziergänge in seiner Umgebung, aber auch der wirklich als phantastisch zu
bezeichnende Ausblick von seiner Dichter- und Denkerklause. Ein
270-Grad-Panorama verschafft das, was er selbst als bestes Produktionsmittel
für Lebensqualitäts-Wissen bezeichnet: Weit- und Überblick.
Die starke lokale Verwurzelung im ländlich-sittlichen Raum, die mir nach
meinem Besuch als Markenzeichen glaubwürdiger und authentischer erscheint denn
je, hätte allein natürlich nicht ausgereicht, um spirit.ch zu einer starken
Marke für Lebensqualitäts-Wissen zu machen, ebenso wenig wie das Ergebnis der
Giger’schen Selbstreflexion über seine eigene Lebensqualität. Denn da galt es
erst die Frage zu beantworten, ob es überhaupt einen Bedarf nach
Lebensqualitäts-Wissen gab.
Da half nun das Vorleben von Andras Giger, der sich als Privatgelehrter
(ohne Erbschaft) seit Jahren intensiv mit dem Thema Werte-Wandel befasst hatte.
Nicht einfach durch die Zweitverwertung von schon publiziertem Material,
sondern durch regelmässige Befragungen einer Gruppe, die er die
„Bewusstseins-Elite“ getauft hatte. Angefangen hatten diese Befragungen schon
im letzten Jahrhundert, damals noch mit gedruckten und per Post versandten
Fragebogen, doch seit Jahren muss Giger für keinen Befragungsschritt mehr sein
Büro verlassen, weil dank Breitbandverbindungen, die bis dahin reichen, alles
online stattfinden kann. Was seine Lebensqualität ungemein fördere.

Dass es eine Akzentverschiebung von den materiellen zu den immateriellen
Werten gab und gibt, zeigten diese Befragungen immer wieder. Gerade die Krise
ab 2008 förderte diese Entwicklung noch, gab es doch eine zunehmende Zahl von
Menschen, die sich ernsthaft fragten, ob es nicht doch eine Alternative zum
Tanz um das goldene Kalb, zur einseitigen Fixierung auf materielle Werte, gäbe.
Doch worin bestand diese Alternative? Wie sollte man diesen Schlüsseltrend des
Werte-Wandels nennen? „Von Geld zu Geist“ etwa? Klang vielleicht doch etwas zu
esoterisch...
Doch was könnten diese alternativen neuen Werte sein? In seiner
Verzweiflung verbohrte sich Giger immer tiefer in das Thema, und fragte mal
nicht weniger als 175 einzelne Werte ab. Was natürlich eher zur Verwirrung als
zur Klärung beitrug. Gab es nicht so etwas wie ein verbindendes Dach über den vielen
Einzelwerten, einen die meisten dieser Werte integrierenden Leit-Wert?
Es war 2009, als Giger endlich klar wurde, dass er diesen Leit-Wert
nicht mehr suchen musste, weil er ihn längst gefunden hatte: Lebensqualität.
Seit Jahren stand dieser Begriff in der in seinen Befragungen ermittelten
„Hitparade der heissen Werte“ ganz oben, und schon 2004 hatte er im
Zukunftsinstitut von Horx eine Studie über „Lebensqualitäts-Märkte“ publiziert.
Doch erst jetzt fand er die
griffige Formel für den Schlüsseltrend des Werte-Wandels: vom Lebensstandard
zur Lebensqualität.
Aus dieser Erkenntnis wurde zunächst, wie so oft bei ihm, ein Buch
(Moses 2.0 – wie wir gemeinsam den Wandel vom Lebensstandard zur
Lebensqualität schaffen), und dann die Internetplattform www.spirit.ch, deren
erklärtes Ziel es ist, Lebensqualitäts-Wissen zu schaffen und zu verbreiten.
Wissenslücken
Wenn Lebensqualität für immer mehr Menschen zum Leit-Wert würde, wofür
Gigers bisherigen Forschungen eindeutig sprachen, dann müsste auch der Bedarf nach
Wissen rund um Lebensqualität steigen, nach Antworten auf Fragen wie: Was
bedeutet Lebensqualität? Was gehört dazu, was ist dafür wichtig? Was behindert
und was fördert sie? Doch genau solches Wissen gab es kaum. Die geringe Menge
an damaligem Wissen über Lebensqualität stand in merkwürdigem Kontrast zur
wachsenden Bedeutung des Themas.
Wen aber sollte man um solche Antworten bitten? Andreas Giger sah keinen
Grund, von bewährten Pfaden abzukehren: Am besten fragt man die, die sich für
das Thema interessieren und willens und fähig sind, an einer Online-Befragung
mitzuwirken. Das ergibt zwar keine repräsentativen Ergebnisse im streng
klassischen Sinn, doch dafür erhält man qualifizierte Meinungen, die deutlich
machen, was in jenem Teil der Gesellschaft abgeht, der die Diskussion um den
Werte-Wandel prägt. Oder, um einen weiteren Grundsatz von spirit.ch zu
zitieren: Laien-Experten sind die besten.
So können denn alle, die wollen, an den auf spirit.ch angebotenen
Online-Befragungen rund um das Thema Lebensqualität teilnehmen. Gleichsam als
Einstieg wird die Beteiligung am „Lebensqualitäts-Basis-Fragenspiel“ verlangt.
Dieses, eine knapp viertelstündige Befragung, ist seit der Gründung unverändert
geblieben. Im Zentrum steht das so genannte Lebensqualitäts-Profil.
Sphären-Musik
Im Gegensatz zum eindimensionalen Wert Geld ist der neue Leit-Wert
Lebensqualität bunt und vielschichtig: Lebensqualität hat viele Facetten. Um
eine gewisse Ordnung in diese Vielfalt zu bringen, entwickelte Giger auf Grund
seiner bisherigen Forschungsresultate und unter Einsatz einer gehörigen Portion
der Ressource „gesunder Menschenverstand“ ein Modell mit sechzehn
Lebensqualitäts-Sphären. (All diese Sphären lassen sich weiter differenzieren,
doch das würde hier zu weit führen...)
Gefragt wird zunächst ganz einfach danach, wie wichtig jede Sphäre für
die eigene generelle Lebensqualität sei. Die Antworten lassen sich in einer
Netzstruktur als Lebensqualitäts-Profil abbilden. Natürlich habe ich die Fragen
auch beantwortet. Das allein hat schon einen bemerkenswerten Zuwachs an
Selbsterkenntnis erbracht. Und dann habe ich einem uralten menschlichen
Bedürfnis nachgegeben: mich mit dem Rest der Welt zu vergleichen. Was mir zu
einer Erkenntnis verholfen hat, die nicht neu ist, aber immer wieder
bedenkenswert: Jeder Mensch ist zugleich anders und gleich wie die anderen.
Nur für den Fall, dass Sie das nicht glauben – und nicht etwa, um
Ihre Neugier auf mein Lebensqualitäts-Profil zu befriedigen – sehen Sie
hier den echten Profilvergleich zwischen meinen Werten und den aktuellen
Durchschnittswerten:

Ich vermute mal, diese Profile seien deswegen zu einem weiteren
wirksamen Markenzeichen von spirit.ch geworden, weil sie eine doppelte und sehr
zeitgemässe Botschaft enthalten: Lebensqualität ist mehr als ein simples
Schlagwort. Und zugleich muss man sich nicht durch Batterien von
Philosophie-Lehrbüchern durchackern, um einen Einstieg in die faszinierende
vielfältige Welt von Lebensqualität zu finden.
Und natürlich vergleichen sich alle gern mit anderen. Zu Beginn musste
man solche Profilvergleiche als Einzelperson übrigens noch von Hand vornehmen,
während man sie heute direkt ausdrucken kann, was schon manches Gespräch im
kleineren oder grösseren Kreis befruchtet haben soll. Und das alles zum
Nulltarif.
Geteiltes Wissen ist doppeltes Wissen
Denn spirit.ch ist zunächst das, was die Eidgenossen einen „service
public“ nennen, einen „öffentlichen Dienst“, der folglich der Öffentlichkeit
offen steht. Oder jedenfalls jenem Teil davon, der sich dafür interessiert. Je
leichter das auf spirit.ch vorhandene Lebensqualitäts-Wissen allen, die es
etwas angehen könnte, zugänglich ist, desto stärker verbreitet es sich. Und das
ist ganz im Sinne der Erfinder.
Schon das im Namen der Plattform verankerte Motto Für Nachhaltige LebensQualität macht
deutlich, dass es den Gründern von spirit.ch um mehr geht als um kühles und
unbeteiligtes Beobachten des Werte-Wandels vom Lebensstandard zur
Lebensqualität. Sie wollen mit ihrer Plattform diesen Wandel vielmehr aktiv
unterstützen, indem sie auf die Werte Nachhaltigkeit und Lebensqualität setzen.
Zur Wortkombination Nachhaltige
LebensQualität hatte übrigens eine zeitliche Koinzidenz geführt: Just,
als sich Andreas Giger endgültig auf den Leit-Wert Lebensqualität fokussierte,
machte sich Christian Engweiler an die Masterarbeit für seinen MBA in
Nachhaltigkeits-Management, wofür er strategische Konsumenten befragen wollte.
Und bei einer ihrer vielen Diskussionen über Gott und die Welt entdeckten sie
dann, dass sich die beiden Stränge sehr gut zusammenfügen lassen. Nicht nur,
weil Lebensqualität eigentlich überhaupt nur nachhaltig (im Sinne von
langfristiger Orientierung) denkbar ist. Sondern auch, wie eine gemeinsame
Vorstudie zu Engweilers Projekt ergab, weil der Einsatz für eine bessere und
nachhaltigere Welt für viele Menschen zu einer abgerundeten Vorstellung von
Lebensqualität gehört. Womit übrigens auch endgültig widerlegt war, es sei
egoistisch, sich um seine eigene Lebensqualität zu kümmern: Es gibt keine
eigene Lebensqualität ohne die der anderen.
Am Einsatz für Nachhaltige Lebensqualität hielten die beiden auch fest,
nachdem ein erster Test der neuen Wortkombination nicht besonders gut
ausgefallen war, sie erhielt nur eine Note knapp über „mittelmässig“. Ob man
dieses Beharrungsvermögen als Prinzipientreue oder als Sturheit bezeichnen
will, ist Geschmackssache. Tatsache dagegen ist, dass diese Bewertung heute
bedeutend besser ausfällt.
Ihren Sinn, so war Engweiler und Giger von Anfang an klar, erfüllt eine
Plattform Für Nachhaltige LebensQualität nur, wenn das darauf versammelte Wissen allen, die sich dafür interessieren
könnten, zugänglich ist, und zwar, wie dies im Internet nun mal üblich geworden
ist, kostenlos. Wobei dieses Wissen ja ohnehin auf den Antworten der Nutzer
basiert, die ihre persönliche Sicht mit anderen teilen und dadurch mehr über
sich und über die anderen erfahren. Und jede Stimme, die sich an diesem
virtuellen Dialog beteiligt, macht das so gewonnene Wissen über den Leit-Wert
Lebensqualität wertvoller.
Dabei setzt spirit.ch keineswegs auf Masse. Um einen ersten Eindruck von
der Meinungsverteilung zu erhalten, genügen schon fünfzig Befragungsteilnehmer,
denn auch viele weitere Antworten verändern diese Grössenordnungen nicht mehr
wesentlich – eine Behauptung, die spirit.ch offenbar glaubwürdig belegen
kann. Dennoch legte man Wert auf organisches Wachstum der Teilnehmerzahlen,
weil grössere Befragtengruppen mehr Differenzierung bei der Analyse der
Antworten ermöglichten. Was interessante und wertvolle Perspektiven eröffnete.

Geschäftsmodelle
Womit wir endlich bei der Frage wären, wie man eigentlich einen solchen
kostenlosen „Service public“ finanziert. Eine Frage, vor der die beiden Gründer
von spirit.ch damals auch standen. Selbst wenn man alle Out-of-Pocket-Kosten
gegen Null reduzierte, blieb ein grosser Brocken zu finanzieren: eine
ordentliche Befragungssoftware. Wofür keiner der beiden das nötige Kleingeld
besass.
Sponsoren, die sich ein Projekt, das es erst im Planungsstadium gab,
überhaupt vorstellen konnten, und die darüber hinaus den Mut hatten, sich für
dessen Realisierung zu engagieren, waren so rar wie Ananasbäume in ihrer rauen
Heimat, und einen spendierfreudigen reichen Onkel aus Amerika gab es auch nicht.
Es herrschte allgemeine Ratlosigkeit.
Bis Christian Engweiler entdeckte, dass es mittlerweile eine sehr
leistungsfähige Befragungssoftware gab, die auf dem Open-Source-Prinzip beruhte
und frei zugänglich war. Dank seiner in früheren Leben erworbenen Computer-Fähigkeiten
(beiden Gründern ist gemeinsam, dass sie eine ziemlich bunte berufliche
Patchwork-Laufbahn aufweisen) konnte er sie rasch installieren und bedienen.
Womit das letzte Hindernis beseitigt war, um einfach mal loszulegen.
Im vollen Bewusstsein natürlich, dass dies am Anfang nur nach dem
Prinzip der Selbstausbeutung funktionieren würde. Denn schliesslich unterhielt
sich eine solche Plattform nicht von selbst, nachdem sie einmal eingerichtet
war, sie musste ständig mit neuen Fragen und Erkenntnissen gefüttert werden,
und das erforderte einen beträchtliche Einsatz an Wissen, Erfahrung,
Aufmerksamkeit und vor allem natürlich Zeit. Zeit, die niemand bezahlen wollte
oder konnte, auch nicht die reihenweise angefragten Stiftungen, obwohl es sich
doch eindeutig um eine gemeinnützige Tätigkeit handelte.
Genau um diesen gemeinnützigen Charakter der Plattform zu betonen,
beschlossen die Gründer, dafür einen Trägerverein ins Leben zu rufen. Daraus
wurde kein Massenphänomen, aber doch eine engagierte Gemeinschaft, die mit
ihren gestaffelten Mitgliederbeiträgen einen nicht ganz unwesentlichen Teil
dazu beiträgt, dass die Arbeit der Plattformbetreiber ordentlich bezahlt werden
kann.
Da die Trägerschaft aus einem Verein besteht, der zudem in absehbarer
Zeit in eine Stiftung überführt werden soll, war eine Gewinnorientierung der
Plattform von Anfang an ausgeschlossen. Nicht aber eine gewisse kommerzielle
Orientierung. Die Gründer hatten von Beginn weg das erkläre Ziel, mittelfristig
mit der Plattform so viele Einnahmen zu erzielen, dass sie davon anständig
leben konnten.
Wie sie richtig vermutet hatten, musste die Plattform erst einmal eine
gewisse Anlaufszeit überstehen und zur vollen Blüte gelangen, ehe sie für
Sponsoren dann doch noch interessant wurde. Heute bildet ein bewusst massvoll
dosiertes Sponsoring eine der Finanzierungsquellen von spirit.ch.
Dass das nicht genügen würde, war allerdings auch klar. Also mussten
auch direkte Erlöse aus dem Produkt her, das auf der Plattform produziert und
vertrieben wurde: Lebensqualitäts-Wissen. Vom individuellen Nutzer konnten
diese Erlöse nicht erwartet werden. Ihn etwa für einen Vergleich von
Lebensqualitäts-Profilen bezahlen zu lassen, hätte nicht nur dem gemeinnützigen
Charakter der Plattform widersprochen, es wäre auch schlicht nicht durchsetzbar
gewesen.
Anders sähe es grundsätzlich aus, wenn organisierte Gruppen wie etwa
Unternehmen das Lebensqualitäts-Wissen von spirit.ch anzapfen wollten, und zwar
vertiefter als auf dem Niveau, das der Öffentlichkeit frei zugänglich ist.
Nicht für die Rohform des Wissens konnte und sollte man eine Rechnung stellen,
aber sehr wohl für eine vertiefte, verdichtete, kurzum veredelte Form dieses
Wissens. Wobei gelten sollte: Je veredelter, desto teurer. Eine Strategie der
zunehmenden Veredelung von Lebensqualitäts-Wissen musste also her.
Eine Art Einstiegsdroge
Am Anfang war das Profil. Oder besser die Idee des Vergleichs von
Lebensqualitäts-Profilen. Was für Einzelmenschen interessant und erhellend war,
musste das doch auch für Unternehmen, Gemeinden oder Vereine sein: Wie
unterscheiden sich die Lebensqualitäts-Profile unserer Kunden, Mitarbeiter,
Bürgerinnen und Bürger oder Mitglieder vom Durchschnitt? Oder von den Profilen
von Vergleichsgruppen? Nur, wer solches weiss, kann auf die spezifischen
Lebensqualitäts-Bedürfnisse und Erwartungen seiner Zielgruppe eingehen.
Solche Profil-Vergleiche erfordern wenig Aufwand. Wenn etwa eine
Gemeinde das Lebensqualitäts-Profil ihrer Bürgerinnen und Bürger mit dem
Landesdurchschnitt oder mit anderen Gemeinden vergleichen will, braucht sie nur
genügend Einwohner über ihre üblichen Kanäle zu motivieren, an der
entsprechenden Befragung teilzunehmen. Diese ist weitgehend standardisiert und
erfordert nur geringfügige Anpassungen, ebenso wie die Auswertung und
Berichterstattung. Das ermöglicht es, für einen solchen Vergleich von
Lebensqualitäts-Profilen, plus einiger Fragen zur Bindung an die Gemeinde und
zur Zufriedenheit mit ihr, sehr moderate Preise zu verlangen, die heute, je
nach Einwohnerzahl, bei einigen tausend Franken pro Gemeinde liegen, was nicht
nur die Fallkosten deckt, sondern auch einen ordentlichen Beitrag zur
Gesamtkostendeckung liefert.
Zumal nicht nur Gemeinden oder andere politische Körperschaft einen
Markt für das Angebot der Profil-Vergleiche bilden, sondern auch Unternehmen,
die ihre Stakeholder, insbesondere Kunden und Mitarbeiter, befragen wollen,
sowie Vereine, Verbände, NGO’s und ähnliche Vereinigungen, die so ihre
Mitglieder und Sympathisanten besser kennen lernen wollen.
Weil die Idee der Vergleiche von Lebensqualitäts-Profilen zwar auf der
persönlichen Ebene unmittelbar einleuchtet, nicht aber unbedingt auf der Ebene
von Gruppen, hat spirit.ch die ersten einschlägigen Studien bald nach der
Gründung buchstäblich verschenkt – um Referenzfälle zu schaffen. Pioniere
unter den Gemeinden, Unternehmen und Vereinigungen, die dieses Angebot dankend
annahmen, fanden sich in der damaligen Wirtschaftskrise leicht. Und weil die
Ergebnisse dieser Fallstudien neu und originell waren, fanden sie auch
entsprechende Publicity. Was etliche Interessenten auf den Plan lockte, die
sich auf das auch preislich attraktive Angebot einliessen. Heute trägt diese
Einnahmequelle etwa einen Drittel zum Gesamtumsatz bei.
Das Prinzip Resonanzgruppe
Wer einmal erfahren hat, wie einfach und zugleich erhellend es sein
kann, mit interessierten und engagierten Kunden, Bürgern, Mitarbeitern oder
Mitgliedern durch den Einsatz von Befragungsinstrumenten, die sowohl
standardisierte Fragen als auch genügend Raum für eigene Beiträge enthalten, in
einen virtuellen Dialog zu treten und sie so besser kennen zu lernen, wird
diese Erfahrung nicht mehr missen wollen. So lautete die Basisüberzeugung der
zweiten Veredelungsstufe.
Wenn Lebensqualität zum Leit-Wert von immer mehr Menschen wird, müssen
sich Institutionen aller Art verstärkt fragen, was sie mit der Lebensqualität
ihrer Kunden, Mitarbeiter, Bürger oder Mitglieder zu tun haben, und wo und wie
sie diese Lebensqualität behindern und fördern. Von wem sollten sie bessere
Antworten und Anregungen bekommen als von den Nutzern von spirit.ch, die sich
ja erklärtermassen besonders für Lebensqualität interessieren und engagieren?
Die Dienstleistung von spirit.ch besteht darin, diesen Dialog über
Lebensqualität zu organisieren und zu moderieren. Dabei gehört es zum Wesen des
Dialogs, dass er sich nicht auf ein einmaliges Ereignis beschränkt, sondern
permanent geführt wird. Dies ist das Prinzip der Resonanzgruppe, die sich eben
nicht nur einmal befragen lässt, sondern immer wieder. Das ermöglicht nicht nur
eine breitere und vertieftere Fragestellung, sondern auch Zeitvergleiche.
In den letzten Jahren hat spirit.ch etliche solcher Resonanzgruppen
aufgebaut. Der individuelle Aufwand dafür ist natürlich wesentlich grösser als
bei einfachen und standardisierbaren Profil-Vergleichen, und entsprechend höher
ist das Wertschöpfungspotenzial. Auch dieses Angebot trägt heute etwa einen
Drittel zum Gesamtumsatz bei.
Erfahrungswissen
Die logische Steigerung der Veredelung von Lebensqualitäts-Wissen ist
die Nutzung jenes Erfahrungswissens, das sich im Laufe vieler Jahre in einem
individuellen Kopf angesammelt hat. Bei Giger, mittlerweile etwas über Sechzig,
und Engweiler, auch schon Mitte Vierzig, ist diese Wissensquelle sowohl dank der
Erfahrungen mit spirit.ch als auch auf Grund ihres Vorlebens gegeben, wobei
sich ihre Schwerpunkte ideal ergänzen.
Dieses Erfahrungswissen lässt sich anzapfen. In Form von Vorträgen,
Seminaren oder Beratungsmandaten. Wer substantielle Beiträge über Lebensqualitäts-Märkte
und dergleichen hören möchte, zahlt dafür auch einen entsprechenden Preis. Noch
trägt dieses Angebot nicht ganz einen Drittel zum Gesamtumsatz bei, doch soll
dieser Anteil längerfristig auf über die Hälfte steigen.
Lebensqualitäts-Marketing
Die absehbare Entwicklung, wonach Kunden immer stärker nur noch für
Angebote Geld ausgeben, die ihnen einen spürbaren Zuwachs auf ihrem
Lebensqualitäts-Konto versprechen, rief gebieterisch nach einem eigentlichen
Lebensqualitäts-Marketing. Die Plattform spirit.ch leistete zu dieser
Entwicklung von Anfang einen relevanten Beitrag, indem sie interessierte Kunden
und Marketing-Menschen zusammenbrachte und so einen Vergleich ihrer Sichtweisen
von Lebensqualitäts-Marketing ermöglichte.
Um die Ergebnisse dieser Studien in konzentrierter Form zu erfahren,
bezahlen heute einige hundert Marketing-Mensche gerne die moderaten Gebühren
für einen vierteljährlichen Newsletter. Was ein Beispiel dafür ist, dass sich
auch in einer Wissensökonomie Nischen finden lassen, die nach dem Prinzip
„Kleinvieh ergibt auch Mist“ kleine, aber nicht unbedeutende Finanzströme
erschliessen.

Grenzen des Wachstums
»Was ist, wenn die Nachfrage nach unserem Angebot, das auf drei Säulen
ruht, unsere Kapazitäten übersteigt? Stellen wir dann neue Leute an?« Engweiler
und Giger haben sich diese Frage gestellt, als sie noch rein hypothetisch war.
Und sind damit heute, wo sie schneller als erwartet aktuell geworden ist,
gerüstet. Ihre Grundhaltung lautet: Wir sind offen für Wachstum. Aber nur mit
Mass und in Grenzen. Wenn zusätzliche inhaltliche Kompetenz gefragt ist,
arbeiten wir gerne mit neuen Köpfen zusammen, am liebsten mit solchen, die wir
über die Plattform gefunden haben. Aber nicht im Angestelltenverhältnis,
sondern durch Vernetzung mit Selbständigen.
Und auch das nicht unbegrenzt. Die Sache muss überschaubar bleiben. Das
Limit setzt die Zahl der Zimmer im Landgasthof, zu der Gigers Wohnung gehört:
Sieben. Mehr passen nicht in das Netz, schliesslich muss man sich von Zeit zu
Zeit ja auch leibhaftig versammeln. Und da es dafür keinen besseren Ort gibt
als die Heimat von spirit.ch, und da es im Dorf keinen anderen Gasthof gibt,
haben eben nicht mehr Leute Platz.
Zudem wollen die Gründer weiterhin besonderes Augenmerk auf den Open-Source-Teil
von spirit.ch richten und sich nicht um Gewinnmaximierung kümmern. Von den
Überschüssen aus der kommerziellen Tätigkeit wird ein Teil natürlich in die
Plattform investiert. Sich selbst und ihren Mitarbeitern wollen und können sie
heute anständige Löhne zahlen, bereichern wollen sie sich dagegen an der
Plattform nicht. Bleibt nach alledem noch etwas übrig, wird dieses Geld
gemeinnützigen Zwecken zugeführt – welchen, können die Mitglieder des
Trägervereins entscheiden.

Investoren entscheiden über Evolutionsgeschichte
Darüber liessen die beiden Herren nie mit sich reden. Was die Suche nach
potenziellen Investoren nicht gerade leichter machte, schloss es doch
Renditemaximierung als Anlagemotiv aus. Wer mehr wollte als die vom Chef der
kleinsten deutschen Bank als Obergrenze für eine anständige Verzinsung des
eingesetzten Kapitals definierten fünf Prozent, kam als Investor nicht in
Frage. Wer dagegen von einem Investment auch immaterielle Werte wie etwa Sinn
und ethische Befriedigung erwartet, schon.
An dieser Stelle gabelt sich der Verlauf unserer Geschichte. In der
einen Version finden sich in einer frühen Phase solche Investoren und
ermöglichen es damit den Gründern, sich mit einem sicheren, wenngleich
bescheidenen Einkommen im Rücken voll auf den Aufbau von spirit.ch und auf die
Nutzung der damit verbundenen kommerziellen Potenziale zu konzentrieren. Was
die Erfolgsgeschichte von spirit.ch entsprechend beschleunigt und rasch zur
vollständigen Eigenfinanzierung führt.
In der zweiten Version finden sich keine solchen Investoren, was die
Gründer dazu zwingt, sich andere Einkommensquellen zu erschliessen. Deshalb
können sie nur begrenzte Ressourcen in die Evolution von spirit.ch investieren,
was dessen Entwicklung entsprechend verlangsamt.
Aufgeben kommt für Christian Engweiler und Andreas Giger allerdings auch
in dieser Version der Evolutionsgeschichte von spirit.ch nicht in Frage. Sie
halten an ihrer Vision einer auch finanziell tragfähigen Plattform zur
Schaffung und Verbreitung von Lebensqualitäts-Wissen fest. Genau so übrigens
wie an ihrem Logo, das zwar eine lange Vorgeschichte hat, in einem ersten Test
allerdings auch alles andere als überragend abschnitt.
Wie schweizerisch ist spirit.ch?
Man sagt Schweizern eine gewisse Starrköpfigkeit, ja Sturheit nach, und
im Appenzellerland seien diese Eigenschaften, glaubt man der Legende, noch
einmal ausgeprägter zu finden. Giger und Engweiler sind heute, da sich ihre
Vision weitgehend erfüllt hat, froh darüber, dass sie dieses Beharrungsvermögen
hatten. Genau so froh wie darüber, dass sie bei ihrer Plattform von Anfang mit
Internet-Adresse und Logo einen Bezug zur Schweiz hergestellt haben. Nicht nur,
weil die Schweiz im deutschsprachigen Ausland einen Sympathie-Bonus geniesst
und als ebenso kompetent wie neutral gilt (zu Hause sowieso). Sondern auch,
weil sie der festen Überzeugung sind, die Schweiz sei ein idealer Ort, um
Impulse für den Wandel vom Lebensstandard zur nachhaltigen Lebensqualität
auszusenden. Sie kann es sich leisten, und sie hat in Sachen Lebensqualität
schon einiges zu bieten, weshalb sie zum Thema einiges zu sagen hat.
Als ich auf dem Rückweg am Dorfladen vorbei komme, der Feuerwerk zum
Schweizer Nationalfeiertag verkauft, wird mir bewusst, dass auch diese
Swissness ein Markenzeichen von spirit.ch ist. Es ist eine offene Swissness,
die niemanden ausschliesst, sondern alle willkommen heisst, die sich für
dieselben Werte interessieren und engagieren. Was nicht besonders überrascht,
ist doch die Heimat von spirit.ch Teil des Dreiländerecks aus der Schweiz,
Deutschland und Österreich.
Ich hätte nicht übel Lust, noch ein Weilchen in dieser spiritmässig
anregenden Gegend zu bleiben und die weitere Evolution der Vision von spirit.ch
mitzuverfolgen oder gar mitzugestalten. Doch jetzt sind erst mal Sie am Zuge,
die Geschichte weiterzuschreiben...
Falls Sie das tun möchten, bitten wir herzlich um ein Mail.
Wald AR (Schweiz), Ende Juli 2009, by Andreas Giger