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Am 11. Juli 2009 erschien in ALPHA - Der Kadermarkt der Schweiz (Beilage von Tages-Anzeiger und Sonntags-Zeitung) dieser Artikel von Andreas Giger:

Der Tanz um das goldene Kalb

Jenseits der Blendeffekte

Blind tanzten sie um die geschmiedete Gottheit. Ohne Orientierung oder Sinn hielten sie den vermeintlichen Schlüssel zur Glückseeligkeit empor. Das Kalb hat ausgedient; die Chance für neue Leitwerte ist da.

von Dr. Andreas Giger (*)

Der Tanz um das goldene Kalb ist eine Kalberei. Das fand vor Tausenden von Jahren schon Moses, der grosse Prophet, der sein Volk Israel aus dem ägyptischen Exil durch die Wüste zurück ins gelobte Land führen wollte. Dabei gab es Probleme, und so zog Moses auf den Berg Sinai, um dort Zwiesprache mit seinem göttlichen Boss zu halten. Das zog sich hin, das Volk begann zu murren und verlangte nach einer wirksameren Gottheit. Moses zweiter Mann liess daraufhin al­es Geschmeide einziehen und daraus ein goldenes Kalb giessen, um das herum das Volk alsbald glückselig tanzte. Was wiederum Moses gar nicht passte, als er endlich doch vom Berg herunter kam. Ein goldenes Kalb sei eine denkbar ungeeignete Gottheit, zürnte er, schon aus rein praktischen Gründen, denn sein Transport auf unsicherer Reise durch die Wüste bände unnötige Ressourcen und locke zudem unweigerlich räuberische Kräfte an. Mal abgesehen davon, dass das Volk gerade in so unsicheren Zeiten auch geistige Nahrung in Form von Orientierung, Identität und Sinn brauche, und das könne eine rein materielle Gottheit nun mal nicht bieten. Diese Argumentation von Moses wirkte für einen Teil seines Volkes schlagend, den Rest, der sich nicht vom Tanz um das goldene Kalb abbringen lassen wollte, liess er erschlagen. Womit das Thema ein für allemal hätte erledigt sein können.

Neue goldene Kälber

Es gibt wohl kaum ein schöneres Bild für das, was letztlich eben doch als tiefste Ursache hinter der Finanzkrise steckt, als den Tanz um das goldene Kalb. Das ahnt die Volksseele und stellt jetzt jene an den Pranger, die ihm am sichtbarsten gefrönt haben, indem sie Geld und dessen ungebremste Vermehrung zum Selbstzweck, ja zum einzigen Zweck des Daseins vergöttlichten. Das sind die Schuldigen, ruft die ertappte Volksseele, und einem Teil von ihr wäre die Sache mit dem Erschlagen ganz recht, würde das doch wirksam vom Blick ins eigene Innere ablenken.

Denn natürlich haben die angeschuldigten Banker Recht, wenn sie darauf verweisen, zum Spiel mit der Gier gehörten immer zwei, und der andere Teil seien die Kunden, also Sie und ich. Und es gehörten dazu auch falsche Anreizsysteme, Dummerweise hätten diese Anreizsysteme, auch Boni genannt, gewirkt, so sehr, dass darob so nützliche Elemente unseres Geistes wie Vorsicht oder gesunder Menschenverstand, von Intelligenz ganz zu schweigen, schlicht zum Verstummen gebracht worden seien. Was natürlich genau so auch für die Anleger galt. Gier killt Verstand. Das sei nun mal so, so sei der Mensch nun mal konstruiert, hören wir schon wieder allenthalben. Und der scheidende Vorsteher des Instituts für Wirtschaftsethik an der Hochschule St. Gallen zieht eine resignierte Bilanz seiner Begegnungen mit Wirtschaftsführern: Die würden sich nicht mehr ändern.

Fragen, die bewegen

Es gibt zum Glück auch eine Gegenposition. Der wortgewaltige Philosoph Peter Sloterdijk trifft mit seinem Buchtitel «Du musst dein Leben ändern» gegenwärtig offensichtlich einen Nerv der Zeit. Zum zweiten Moses wird er deswegen nicht, denn anders als damals verfügt heute niemand mehr über die von göttlicher Macht unterstützte Autorität, die nötig wäre, um dem Volk zu befehlen, vom Tanz um das goldene Kalb abzulassen. Damit bleibt auch dieser ebenso nötige wie schwierige fundamentale Wandel unserer Werte an uns einzelnen Individuen hängen. Das ist keine schlechte Nachricht - im Ge­genteil. Eigene Werte zu finden und zu leben, ist besser, als unhinterfragt aufgestülpten Werten zu folgen. Und die Freiheit der Werte-Wahl ist ungleich bedeutsamer als die Freiheit bei der Wahl zwischen Zahnpasten. Jeder Werte-Wandel beginnt mit persönlicher Bewusstwerdung Einzelner. Das klingt schwieriger als es ist, denn es geht um ganz einfache Fragen: Was ist mir wichtig im Leben? Was ist mir wie viel wert? Was gibt mir Orientierung, Identität und Sinn?

Einfache Fragen führen bekanntlich keineswegs automatisch zu einfachen Antworten, und so könnte uns die Frage nach unseren Werten eine ganze Zeit beschäftigen. Der Aufwand lohnt. sich. Zumal ein erster Erkenntnisschritt bald einmal getan sein dürfte: Der Tanz um das goldene Kalb ist tatsächlich eine Kalberei. Die einseitige Orientierung an materiellen Werten führt direkt in die Sucht: Man braucht immer mehr vom selben Stoff und wird dadurch nicht glücklicher, sondern versinkt immer tiefer im Beschaffungsstress.

Die vereinte Kraft - Moses 2.0

Ein neuer Leit-Wert muss her. Und der kann für mich und eine wachsende Zahl von Menschen nur Lebensqualität heissen. Die Richtung des kommenden Werte-Wandels heisst also: Von materiellen zu immateriellen Werten. Von Quantität zu Qualität. Von «mehr» zu «besser». Vom Lebensstandard zur Lebensqualität. Lebensqualität hat viele Facetten und lässt sich nur individuell definieren. Es gibt keine eigene Lebensqualität ohne die Lebensqualität der anderen. Lebensqualität ist nur nachhaltig denkbar. Herauszufinden, was unser persönliches Lebensqualitäts-Konto (und das unserer Mitmenschen) belastet, und was es äufnet, ist ein ebenso sinnvolles wie wirksames Leitsystem für unsere Lebensgestaltung. Persönliche Bewusstwerdung ist natürlich nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer Alternative zum Tanz um das goldene Kalb. Vernetzung und Austausch darüber, was Lebensqualität bedeutet und wie sie gefördert werden kann, bilden die zweite Phase. Werte-Wandel kann nur von unten kommen, getragen von miteinander vielfältig verbundenen individuellen Persönlichkeiten. Der neue Moses kann nur ein Moses 2.0 sein.

Neue Märkte für Lebensqualität

Diese gemeinschaftliche Wissensbank über persönliche und gesellschaftliche Lebens­qualität, zu der jede und jeder beitragen und von ihr lernen kann, wird nicht ohne Ausstrahlung bleiben. Man stelle sich etwa eine Marktwirtschaft vor, in der mehr und mehr Kunden nicht mehr für Prestige oder andere Illusionen bezahlen wollen, sondern «nur» noch für einen echten Beitrag zu ihrer Lebensqualität. Oder man stelle sich Arbeitsmärkte vor, in denen gerade die Besten jenes Unternehmen auswählen, das für den grössten Zuwachs auf dem Lebensqualitäts-Konto sorgt. Lebensqualitätsbasierte Anreizsysteme haben Zukunft. Es gibt ein Leben jenseits des goldenen Kalbs. Und es sieht vielversprechend aus...

(*) Andreas Giger arbeitet u. a. als Zukunfts-Philosoph, Werte-Forscher und Autor. Das neuste Buch: «Moses 2.0 ­Wie wir gemeinsam den Wandel vom Lebensstandard zur Le­bensqualität schaffen» (www.gigerheimat.ch;www.spirit.ch).


Mail-Reaktionen auf den Beitrag:

»Ihr Text hat mich berührt, sehr schön geschrieben, danke!«

»...sehr interessant.«

»Dieser Beitrag hat mir sehr gut gefallen und ich hoffe auch viele Leute erreicht.«

»herzlichen Glückwunsch zu Ihrem gelungenen Artikel im Alpha. Toll!«


 

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