Hintergrund
Geschrieben von: Andreas Giger Mittwoch, 13. Januar 2010

Irgendwo im Himalaja liegt, eingeklemmt zwischen China und Indien, das kleine Königreich Bhutan, ungefähr so groß wie die Schweiz, aber mit zehnmal weniger Einwohnern. Die Pflege der überlieferten Kultur wird dort groß geschrieben, und als vor einigen Jahren der damalige König von oben die Demokratie einführte, wollten das seine Untertanen eigentlich gar nicht. Und so wählten sie halt in die Regierung die eine Partei, deren Slogan „wir lieben den König!“ lautet, und als Opposition die andere, die sich „wir lieben den König noch mehr!“ auf die Fahne schreibt. So konservativ ist man in Bhutan.
Konservativ kommt ja von „bewahren“, und bewahrt wird in Butan beides, Natur und Kultur. Um die Tradition zu schützen, wird nach wie vor nur eine begrenzte Anzahl Ausländer ins Land gelassen. In den Augen aller rechtspopulistischer Parteien in Europa also ein Paradies. Ebenso in den Augen von Grünen und Nachhaltigkeits-Fans.
Und auch, wenn wir ehrlich sind, in unseren eigenen Augen. Ein Teil von uns wenigstens möchte immer, dass alles so bleibt, wie es ist. Natürlich vor allem dann, wenn es etwas Schönes zu bewahren gilt: »Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit«, wie es Nietzsche einst formulierte. Doch selbst an unbefriedigende Zustände klammern sich manche Menschen gerne, weil sie letztlich doch das Vertraute der offenen Alternative vorziehen – es könnte ja noch schlimmer kommen. Das Festhalten am Bestehenden und der Drang nach Stabilität realisieren nämlich einen für die meisten Menschen zentralen Wert: Sicherheit.
Das Festhalten an traditionellen Werten schafft also Stabilität und damit Sicherheit. Zum einen die Sicherheit, unbehelligt von Neuerungen zu bleiben, an die man sich allenfalls schlecht oder gar nicht anpassen kann, zum anderen aber auch die Sicherheit, alles unter Kontrolle zu haben. Bekanntes lässt sich nun mal besser kontrollieren als Unbekanntes.
Tradition, Stabilität, Sicherheit und Kontrolle sind also eng miteinander verf lochtene Werte. Welche Werte im Einzelnen dahinter stecken, ist zunächst gar nicht so wichtig, Hauptsache, es gibt sie schon lange. Schließlich verteidigen die Traditionalisten unterschiedlicher Kulturen keineswegs immer dieselben Werte. Stabilität selbst ist entscheidend, nicht das, was stabil bleiben soll.
Ob dieser menschliche Drang nach Stabilität gut oder schlecht sei, brauchen wir gar nicht zu beantworten, denn er ist Teil unserer Natur. Und nicht nur unserer. Schon in der Physik gibt es das Trägheits-Moment und das Entropie-Gesetz, wonach alles nach stabilen Zuständen strebt. Und auch die Evolution ist, so seltsam das zunächst klingen mag, konservativ. Wenn sie einmal etwas erfunden hat, hält sie daran fest, es sei denn, gewandelte Umweltbedingungen verlangten nach neuen Lösungen. Der Drang nach Stabilität ist also ein zentrales Element der Natur.
In der belebten Natur haben alle Lebewesen Strategien entwickelt, die ihnen mehr Sicherheit verschaffen sollen. Auch das Streben nach Sicherheit ist also nicht spezifisch menschlich. Schon eher könnte man dies beim Wunsch sagen, möglichst alles kontrollieren zu wollen. Weil wir Menschen uns als vermutlich einziges Lebewesen mögliche Zukünfte ausmalen können, wollen wir die reale Zukunft möglichst in unserem Sinne gestalten, und das geht nur, wenn wir möglichst viel Kontrolle ausüben können, über uns, über andere und über die äußeren Umstände. Dass der Wert Kontrolle einen hohen Wert hat, gehört also zur menschlichen Grundausstattung, genau so wie der hohe Stellenwert der Werte Tradition, Stabilität und Sicherheit.
Ohne ein Mindestmaß an Stabilität und Sicherheit ist deshalb eine befriedigende Lebensqualität kaum vorstellbar. Selbst die quirligsten Liebhaber ständiger Abwechslung pflegen ihre kleinen Rituale und schließen Versicherungen ab. Allerdings steht auch fest, dass dieses Mindestmaß schon wieder nur subjektiv festgelegt werden kann. Die einen brauchen für ihre Lebensqualität mehr Sicherheit und Stabilität, die anderen weniger.
Etwas davon brauchen alle, aber nicht alle brauchen gleich viel davon. Das bestätigte sich aufs Schönste in meiner bereits einmal erwähnten Befragung über die subjektive Bedeutung von 175 Werten. Während bei den meisten Werten die Einstufungen bei allen Befragten ziemlich ähnlich waren, streuten sie bei den traditionellen sehr viel stärker. Zu diesen traditionellen Werten gehören auf der Ebene der persönlichen Lebensziele zum Beispiel ein stabiles und berechenbares Leben, nie unangenehm aufzufallen, oder persönliche Ehre; auf der Ebene der zwischenmenschlichen Werte Begriffe wie Pflichtbewusstsein, Ordnungsliebe oder Prinzipientreue; und auf der Ebene der gesellschaftlichen Werte Ideale wie Tradition, Zucht und Ordnung oder Respekt gegenüber Autoritäten.
All diese traditionellen Werte sind kaum jemandem völlig gleichgültig, doch dann scheiden sich die Geister wie in keiner anderen Werte-Sphäre. Ausgesprochenen Traditionalisten stehen andere gegenüber, für die diese traditionellen Werte nur von mäßiger Bedeutung sind. Sie lehnen sie nicht gänzlich ab, doch von der ausgeprägten Hochschätzung dieser Werte-Sphäre der Stabilität sind sie meilenweit entfernt.
Wie sehr Sie Ihre Lebensqualität davon abhängig machen, wie gut Ihr Bedürfnis nach Sicherheit, Tradition, Stabilität und Kontrolle befriedigt wird, bleibt selbstredend Ihnen überlassen. Wobei Sie sich nicht darauf verlassen können, das allein mit Ihrem freien Willen entscheiden zu können, denn die subjektive Bedeutung der Sphäre der Stabilität dürfte genetisch vorbestimmt sein. Es gibt nun mal Wesen, denen Sicherheit weniger wichtig ist als anderen und die deshalb auch mehr riskieren, das ist schon bei Tieren zu beobachten. Und deshalb müssen auch in dieser Sphäre alle nach ihrer Facon selig werden dürfen, sprich, so viel Stabilität anstreben, wie sie es für ihre Lebensqualität brauchen.
Wobei auch an dieser Stelle eine Warnung vor Übertreibungen angebracht ist. Wenn wir zu viel Stabilität und Sicherheit und Kontrolle wollen, rennen wir einem unrealistischen Ziel nach, und das kann für unsere Lebensqualität nicht gesund sein. Es gibt diese Werte nun mal nicht in hundertprozentiger Realisierungsform im Angebot.
Und auch wer Traditionen kompromisslos verteidigen will, sollte sich gelegentlich die hübsche Weisheit zu Gemüte führen, wonach sich alles ändern muss, wenn alles so bleiben soll, wie es ist. Klingt zunächst paradox, entspricht jedoch unserer Erfahrung: Um die Essenz zu retten, muss man manchmal die Form verändern.
Ach ja. Auch Bhutan kann sich vom Sprung aus dem Mittelalter ins 21. Jahrhundert nicht vollständig retten und modernisiert sich so schnell, dass ein Kenner des Landes jedes Mal, wenn er nach ein paar Monaten wieder kommt, etwas Neues entdeckt. Selbst da gibt es also keine hundertprozentige Stabilität. Aber einen bemerkens- und bedenkenswerten Umgang mit dem Spagat zwischen Tradition und sinnvollem Neuem:
Als eine Flut die Brücke vom wichtigsten Kloster, das auf einer Flussinsel liegt, zum Ufer weggerissen hatte, und man die Brücke nicht einfach wieder genau gleich aufbauen konnte, weil der Fluss durch die Flut auch deutlich breiter geworden war, einigte man sich schließlich darauf, die Brücke äußerlich ganz traditionell zu bauen, ihr aber im verborgenen Inneren durch eine moderne Konstruktion mehr Stabilität zu verleihen...
Bei diesem Text handelt es sich um Kapitel 17 des Buchs Moses 2.0. Dort gibt es zu jedem Kapitel einen zweiten Teil Bekenntnisse eines Generalisten für reifende Lebensqualität. Sie finden diesen Text hier oder direkt im Buch:

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