Hintergrund
Geschrieben von: Andreas Giger Mittwoch, 13. Januar 2010

Wir Menschen unterliegen nicht nur den Gesetzen der Biologie, sondern auch jenen der Physik, und das heißt, dass Raum und Zeit für uns wichtige Phänomene sind. Und damit für unsere Lebensqualität.
Das menschliche Verhältnis zum Raum ist geprägt von zwei unterschiedlichen Erbschaften: Den größten Teil unserer Geschichte als biologische Art haben wir als herumstreifende Nomaden verbracht, doch seit nunmehr rund zehntausend Jahren leben wir sesshaft, seit kurzer Zeit (global betrachtet) sogar mehrheitlich in Städten.
Ganz sesshaft geworden sind wir allerdings nicht, das Nomadentum steckt nach wie vor in uns. Das zeigt sich kollektiv gesehen am Ausmaß unseres Reiseverhaltens: Kaum ist es wirtschaftlich möglich, beginnen die Menschen überall auf der Welt zu verreisen. Und es zeigt sich auf der persönlichen Ebene in unseren immer wiederkehrenden Anflügen von Fernweh, wobei wir uns nach einer gewissen Zeit meist doch wieder nach unserem Zuhause sehnen.
Und noch eine Auswirkung hat dieses gespaltene Erbe: Es gibt enorme individuelle Unterschiede, wenn es um die Bedeutung der räumlichen Umgebung für die eigene Lebensqualität geht. Manche können sich nicht mal vorstellen, an einem anderen Ort zu leben, für andere ist es völlig egal, wo sie das gerade tun. Sollten Sie zu dieser zweiten Extremgruppe gehören, können Sie den Rest dieses Kapitels getrost vergessen, die räumliche Lebensqualitäts-Sphäre hat dann für Sie schlicht keine Bedeutung.
Bei den meisten Menschen können wir allerdings davon ausgehen, dass es ihnen nicht gänzlich gleichgültig ist, an welchem Ort sie leben. Und weil dem so ist, müssen sie herausfinden, durch Selbstbefragung und/oder durch praktische Versuche, welche Art von Ort ihre Lebensqualität am meisten fördert.
Das gilt zunächst für die innerste räumliche Hülle des Menschen, also seine Wohnung oder sein Haus, und wie er diesen Raum einrichtet. Für die meisten Menschen ist ihr Wohn-Raum mehr als ein Basislager, in das man sich gelegentlich zurückzieht, nur um dann gleich wieder nach draußen loszuziehen, wo sich das eigentliche Leben abspielt, sondern ihr Lebens-Mittelpunkt. Entsprechend groß ist, im guten wie im schlechten, der Einfluss der Wohn-Sphäre auf die Lebensqualität.
Wohnungen und Häuser stehen selten allein auf weiter Flur, sie sind vielmehr Teil einer Stadt oder eines Dorfes. Und schon haben wir einen weiteren Punkt, an dem sich die Geister scheiden – zwischen Stadtmäusen und Landmäusen. Wie nicht nur das einschlägige Märchen, sondern auch die Erfahrung zeigt, sinkt die Lebensqualität von geborenen und/oder überzeugten Landmäusen in der Stadt rapide – und umgekehrt. Glücklicherweise haben immer mehr Menschen die Freiheit, sich an einem Ort ihrer Wahl niederzulassen und so etwas für ihre Lebensqualität zu tun.
Dieser Ort der Wahl wird einer sein, an dem man sich wohl fühlt, ja, der einem sogar Kraft gibt. Das ist nicht zu verwechseln mit dem geomantischen Konzept der Kraft-Orte, für die es objektive Kriterien geben soll. Ob ein Ort für uns ein Kraft spendender ist, entscheiden wir dagegen ganz allein, so wie der Einfluss unseres Wohn-Ortes auf unsere Lebensqualität immer nur subjektiv bestimmt werden kann. Seien Sie also vorsichtig, wenn Sie einen der beliebten Lebensqualitäts-Vergleiche zwischen verschiedenen Städten sehen. Dort werden immer nur objektive, messbare Faktoren erfasst, wie zum Beispiel die Höhe der Steuern oder das Sport- und Kulturangebot. Wenn jemand jedoch so wenig Geld hat, dass er gar keine Steuern zahlen muss, wird seine Lebensqualität von einem hohen Steuersatz nicht beeinträchtigt, so wenig wie ein mangelhaftes Angebot an Sport oder Kultur die Lebensqualität von jemandem negativ beeinflusst, der sich aus beidem überhaupt nichts macht.
Ein Spitzenplatz in einem Lebensqualitäts-Ranking ist also keine Garantie dafür, dass Ihre persönliche Lebensqualität in dieser Stadt hoch ist. Vor allem dann nicht, wenn es Ihnen auf dem Land ohnehin wohler ist. Was für Sie Lebensqualität am Wohn-Ort ausmacht, entscheiden Sie allein. In Frage kommt einiges: Landschaft und Architektur, Menschenschlag und Sprache, Geschichte und Kultur, politisches, gesellschaftliches (und natürlich meteorologisches) Klima etc. – alles Phänomene, die wir mit einem ganz bestimmten Ort verbinden.
Zum Glück gibt es diese Unterschiede zwischen den Orten, denn so können wir herausfinden, an welchem unsere Lebensqualität am besten ist. Dafür haben wir ein zu oft verpöntes Gefühl – jenes für Heimat. Heimat wird dabei nicht verstanden als Ort nostalgischer Kindheits- oder romantischer Jenseits-Sehnsucht, sondern einfach als Bewusstsein dafür, dass wir an manchen Orten besser verankert und geerdet sind als an anderen. Diese Empfindung, daheim zu sein, kann sehr wohl zu unserer Lebensqualität beitragen.
Problematisch wird die Sache mit der Heimat erst, wenn wir anfangen, darum herum materielle oder geistige Zäune zu ziehen. Solche verzweifelten Versuche, alles Fremde draußen zu halten, leugnen die Realität der zunehmenden Verflechtung und Vernetzung bis hin zum globalen Maßstab. Das Eigene der Heimat schützt man nicht mit Stacheldraht, sondern durch selbstbewussten Austausch mit anderen Heimaten. Wenn wir heute und noch mehr in Zukunft nach einer Verankerung im Raum suchen, kommen wir nicht umhin, dabei nicht nur unser engeres Umfeld, sondern den ganzen Planeten ins Auge zu fassen. Natürlich sind wir so geboren, dass unser Interesse an unserer Umwelt mit zunehmender Distanz abnimmt, und das ist auch gut so, denn wenn wir uns gleichermaßen um jeden Ort auf der Welt kümmern sollten, wären wir heillos überfordert. Nut gänzlich ignorieren sollten wir nicht, dass auch die Verhältnisse weiter weg unsere Lebensqualität beeinflussen können.
Wie bereits eingangs erwähnt, hängt unsere Lebensqualität nicht nur davon ab, an welchem Ort wir uns niederlassen, sondern auch davon, wie wir uns zwischen verschiedenen Orten bewegen können, also von unserer Mobilität. Im historischen Vergleich ist die Zunahme der Mobilität zweifellos eine der spektakulärsten Entwicklungen. Und eine, die am meisten zu unserer heutigen Lebensqualität beiträgt. Falls Sie daran zweifeln, fragen Sie jemanden, der noch hinter dem eisernen Vorhang eingesperrt war, wie sehr mangelnde Reisefreiheit die Lebensqualität beeinträchtigen kann.
Doch ob dieses kaum zu übersehenden Zusammenhangs zwischen Mobilität und Lebensqualität wird leicht übersehen, dass sich natürlich auch in dieser Sphäre das Phänomen des abnehmenden Grenznutzens, ja des Umkippens von Quantität in Qualität zeigt. Mit anderen Worten: Es wäre ein Irrtum anzunehmen, dass immer noch mehr Mobilität automatisch ein Plus auf dem Lebensqualitäts-Konto erzeugt.
Da werden millionenschwere Investitionen damit gerechtfertigt, man komme deswegen zehn Minuten schneller von A nach B. Nicht erforscht ist leider, wie viele Menschen die so gewonnene Zeit tatsächlich wirklich sinnvoll nutzen. Ich schätze, allzu viele sind es nicht. Und nur ganz wenige dürften es sein, die in dieser Zeit ernsthaft darüber nachdenken, welche der nächsten geplanten Fahrten und Reisen wirklich nötig und sinnvoll seien. Schade eigentlich, denn so entgeht den gehetzten Mobilitäts-Fans eine wichtige Erkenntnis, die kaum woanders so sehr gilt wie in dieser Sphäre: Weniger (Mobilität) kann mehr (Lebensqualität) sein...
Zum Thema ist mir gerade noch ein Zitat (von der Stadtforscherin Rebecca Solnit) zugefallen: Zu Fuß gehen macht möglich, sich unter Fremden zu Hause zu fühlen. Ohne das funktioniert Demokratie nicht. Eine Kultur, die nicht läuft, ist bereits eine besiegte Kultur.
Bei diesem Text handelt es sich um Kapitel 13 des Buchs Moses 2.0. Dort gibt es zu jedem Kapitel einen zweiten Teil Bekenntnisse eines Generalisten für reifende Lebensqualität. Sie finden diesen Text hier oder direkt im Buch:

Mehr Information zu Buch und Bezugsmöglichkeiten hier.
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