Hintergrund
Geschrieben von: Andreas Giger Freitag, 15. Januar 2010

Echt wahr: Der unscheinbare Begriff Echtheit, den ich vielleicht gerade deswegen dem mondänen Zungenbrecher Authentizität vorziehe, hat es in der von der Bewusstseins-Elite erstellten Hitparade der heißen Werte im Jahr 2003 als Neueinsteiger gleich auf Platz acht geschafft. Und weitere zwei Jahre später finden wir Echtheit bereits auf Platz drei. Ganz offensichtlich kommen wir um den Wert Echtheit nicht herum, wenn wir wissen wollen, was für unsere Lebensqualität wichtig ist.
Zusätzlich interessant wird der Wert Echtheit dadurch, dass er sich sowohl auf Menschen als auch auf Produkte beziehen kann. Wir können sowohl bei einer menschlichen Persönlichkeit wie auch bei einer Marken-Persönlichkeit gut zwischen echt und unecht unterscheiden. Und tatsächlich wird der Wert Echtheit auch als Marketing-Argument immer wichtiger. (Diese Parallelen, dies nur nebenbei, sind nicht zufällig. Wir hatten Millionen von Jahren Gelegenheit zu lernen, wie man menschliche Persönlichkeiten wahrnimmt, aber nur ein paar Jahrzehnte für die Wahrnehmung von Marken. Da lag es nahe, dass wir das Gelernte einfach übertragen und fortan Marken wie Menschen betrachtet haben.)
Wie dem auch sei: Echtheit verkauft sich zunehmend besser. Wir umgeben uns lieber mit Menschen, die Echtheit ausstrahlen, als mit solchen, die offenbar Kunstwesen sind und nur Rollen spielen. Und wir kaufen lieber den Käse mit dem Echtheitssiegel als irgendeine anonyme Kopie. Echtheit wird immer mehr echt gut. Was uns zur Frage führt, was denn eigentlich Echtheit ausmacht. Dabei fallen einige Elemente sofort auf:
Zunächst assoziieren wir Echtheit mit Herkunft. Echtheits-Beweise bei Lebens- und Genussmitteln, aber auch bei Erzeugnissen der Handwerkskunst, sind in der Regel Herkunfts-Zertifikate. Ein echtes Produkt muss von einem bestimmten Ort stammen und dessen Geschichte verkörpern.
Selbiges gilt für Menschen. Ohne eine fassbare Geschichte - und sei sie noch so verworren - gestehen wir einem Menschen keine Echtheit zu, was mit ein Grund dafür sein dürfte, dass wir Echtheit eher mit reiferen Menschen verbinden als mit blutjungen. Letztere hatten einfach noch keine Gelegenheit, eine Geschichte erlebt zu haben.
Besser dran sind da schon die Kinder, die wir ganz natürlich für echt halten, weil sie natürlich wirken. Natürlichkeit ist eine zweite eng mit Echtheit verknüpfte Assoziation. Das kann, muss aber nicht, eine enge Verbindung zur Natur bedeuten. Auch ein Kunstwerk aus künstlichen Materialien kann natürlich und damit echt wirken, wenn es ganz von innen kommt.
Natürlichkeit wäre dann das Gegenteil von allem, was künstlich, was aufgesetzt - und damit unecht - wirkt. Authentisch und echt dagegen wirken Mensch wie Marke, wenn sie ausstrahlen, dass sie in Übereinklang mit sich selbst sind. Wir könnten dieses Element von Echtheit als Eigen-Resonanz bezeichnen: Die verschiedenen Schwingungen eines Menschen oder einer Marke klingen untereinander harmonisch.
Im Begriff der Eigen-Resonanz finden wir das Element des Eigenen. Tatsächlich gibt es keine Echtheit ohne dieses Element. Wer oder was nichts Eigenes, nichts Individuelles, nichts Unverwechselbares ausstrahlt, wirkt notgedrungen immer wie eine Kopie und damit nicht echt. (siehe Kapitel 18, Die Sphäre des Eigenen)
Machen wir die Probe aufs Exempel. Reichen die bisher angeführten Elemente, um Echtheit zu gewährleisten? Ich weiß, es ist etwas krass, wenn ich dafür Hitler und Stalin heranziehe, aber es zeigt sich so leichter, dass wir die Frage verneinen müssen. Denn natürlich hatten beide eine Herkunft und eine Geschichte, sie waren in natürlicher Eigen-Resonanz, und sie hatten offensichtlich auch eigene Ideen. Damit waren sie tatsächlich echt. Echt Scheiße eben.
Leider können auch Räuber und Schlächter sehr wohl echt und authentisch sein, und ein echtes Gift wie jenes des Knollenblätterpilzes tötet genau so zuverlässig wie ein künstliches aus dem Labor. Echtheit als Wert zu verabsolutieren, wäre damit echt ein Holzweg.
Wie immer kommt es auf die Werte-Mischung an. Echter Mist wird dadurch nicht besser, dass er echt ist. Echt gut ist eben nur, was vorher schon gut war und dadurch noch besser wird, dass es echt ist. Lebens- und menschenbejahende Werte können sich nur entfalten, wenn sie echt sind. Darin liegt die eigentliche Bedeutung des Werts Echtheit.
Mal ganz abgesehen davon, dass es sich mit echten Marken und Menschen einfach besser lebt. Das gilt ganz besonders für das Zusammenleben mit jenem Menschen, mit dem wir am meisten zusammen sind, also für unser eigenes Verhältnis zu uns selbst. Echt zu sein, schafft Lebensqualität und Lebenssinn. Womit Echtheit tatsächlich ein wertvoller Wert ist.
Lässt es sich lernen, echt zu sein? Vermutlich nicht, jedenfalls nicht durch Willensbeschluss. Macht aber nichts, denn wir sind schon echt. Gut, darauf hat sich im Laufe eines Lebens eine ganze Menge unechten Mülls abgelagert. Doch wir sind durchaus in der Lage, diesen Müll auch wieder wegzuräumen, um unserer eigentlichen echten Persönlichkeit Raum zu verschaffen. Echt zu werden, bedeutet demnach nichts anderes, als immer wieder das Unechte an uns selbst loszulassen. Alles, was recht ist, ist echt.
Was nicht ganz einfach ist, aber machbar - und lockend, gehört doch dem und den Echten die Zukunft. Auf dem Weg zur Echtheit kann es nicht schaden, gelegentlich das dazu gehörige geistige Rüstzeug zu schärfen. Also unsere Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Selbständigkeit. Wenn wir das schaffen, leisten wir einen wesentlichen Beitrag zum Lebensqualitäts-Konto. Unserem eigenen. Und dem unserer Mitmenschen...
Bei diesem Text handelt es sich um Kapitel 21 des Buchs Moses 2.0. Dort gibt es zu jedem Kapitel einen zweiten Teil Bekenntnisse eines Generalisten für reifende Lebensqualität. Sie finden diesen Text hier oder direkt im Buch:

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