Das Dilemma der Evolution

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Übungsabbruch oder Weitermachen?

Dieser philosophische Mini-Krimi wurde vorgetragen an der Eulenrunde von Philothea Flawil am 14. März 2017

Das Dilemma der Evolution: Übungsabbruch oder Weitermachen?

Das Tribunal ist bereit. In der Mitte thront der vorsitzende Richter. Vor ihm sitzen die beiden Parteien, vertreten jeweils durch Ihre Anwälte. Und dahinter befinden sich die Sitzreihen der Jury, bestehend aus den Geschworenen, also aus Ihnen, verehrte Damen und Herren.

Der Vorsitzende kommt gleich zur Sache: »Unser Tribunal ist heute versammelt, um über eine Frage zu entscheiden, die uns eine uns allen wohlbekannte Dame vorgelegt hat – die Evolution. Worum es geht, erklärt sie uns am besten gleich selber. Frau Evolution, ich erteile Ihnen das Wort.«

Die Evolution steht auf und beginnt Ihre Ausführungen: »Euer Ehren, hochverehrte Anwälte und Zeugen, ebenso hochverehrte Damen und Herren Geschworene. Ich stehe heute hier vor Ihnen, um Sie über eine Frage entscheiden zu lassen, die mich seit längerem umtreibt: Soll ich auf diesem Planeten mit meinem Experiment weitermachen, oder soll ich die Übung abbrechen?

Wohlgemerkt: Es geht mir nicht um meine bisherige Tätigkeit auf dem Globus insgesamt. Es geht mir um einen speziellen Teilaspekt. Sie ahnen es vermutlich schon: In Frage stelle ich die Entwicklung der Spezies Mensch.

Wenn Sie sich vor Augen halten, dass meine Tätigkeit vor Milliarden von Jahren mit dem Urknall begonnen hat und dass daraus ein riesiges Universum geworden ist, fragen Sie sich vielleicht, warum für mich ein Problem auf einem winzigen Planeten am Rande einer unbedeutenden Galaxis eine derartige Bedeutung hat, dass ich dafür eigens ein Tribunal einberufe. Nun, dieser kleine blaue Planet lag mir immer schon besonders am Herzen. Ich habe einiges investiert, um darauf die Entwicklung jenes blühenden und vielfältigen Lebens zu ermöglichen, das Sie alle kennen.

Für meine Zeitmassstäbe ist es erst ein Wimpernschlag her, seit ich die Entwicklung einer Spezies befördert habe, die ein Gehirn aufweist, dessen Grösse und Leistungsfähigkeit alles auf der Erde bisher Bekannte deutlich übertraf. Es geht um jene Art von Primaten, die sich selbst als Mensch bezeichnet.

Wenn ich aus heutiger Sicht auf dieses mein Experiment zurückblicke, befinde ich mich einem Dilemma. Vieles spricht dafür, dass mein Experiment geglückt ist. Aus den bescheidenen Anfängen einer in den Steppen Afrikas aufrecht gehenden Primatenart ist eine Spezies geworden, die sich über den ganzen Planeten ausgebreitet und diesen nachhaltig verändert hat. Die Menschen haben gelernt, ihre Umwelt nach ihren Bedürfnissen zu verändern, indem sie ihr Gehirn dazu benutzt haben, bewundernswerte Wissenschaften und Techniken zu entwickeln, getrieben von einer enormen Neugier und einem ebenso grossen Gestaltungsdrang.

Das hat dazu geführt, dass die Menschen heute sicherer und komfortabler leben als jede andere Spezies auf diesem Planeten. Das gefällt mir natürlich, ebenso wie die Tatsache, dass diese Art ihre erstaunlichen Gehirnkapazitäten auch zur Schaffung wunderbarer zivilisatorischer und kultureller Leistungen genutzt hat. Wenn ich mir eine von Menschenhand gebaute Kathedrale ansehe und darin einer Musik von Bach lausche, bin ich zu Tränen gerührt und finde mein Werk ganz einfach gut.

Doch es gibt natürlich auch die Kehrseite. Wenn ich mir anschaue, dass die Menschheit bis heute nicht gelernt hat, ihre Konflikte friedlich zu lösen, sondern sich immer noch gegenseitig die Köpfe einschlägt, kommt mich das kalte Grausen an. Ebenso beim Betrachten der Tatsache, dass die Reichtümer dieser Erde nach wie vor nicht gerecht verteilt sind und dass diese Ungleichheit wächst statt schrumpft.

Am meisten Zweifel an der Existenzberechtigung der Spezies Mensch habe ich jedoch dann, wenn ich sehe, dass diese ihre natürliche Umwelt nach wie vor brutal zerstört und mittlerweile mit der Erderhitzung die Zukunft eines grossen Teils des Lebens auf diesem Planeten gefährdet. Sicher, die Menschen werden es nicht schaffen, alles Leben auf der Erde auszulöschen. Dieses hätte eine Zukunft auch ohne den Menschen. Aber es täte mir sehr weh, wenn ich mitansehen müsste, dass viele der von mir liebevoll geschaffenen Spielarten des Lebens unwiederbringlich verschwinden müssten.

Dieses Dilemma stellt mich unweigerlich vor die Frage, ob ich das Experiment Mensch abbrechen soll, oder ob ich ihm noch eine Chance gebe. Und weil ich in dieser Frage innerlich gespalten bin, delegiere ich es an Sie, hochverehrtes Tribunal, sie für mich zu beantworten.«

Der Richter ergreift wieder das Wort: »Danke für Ihre Ausführungen, Frau Evolution. Ich glaube, wir wissen jetzt, worum es geht. Zunächst erteile ich das Wort dem Anwalt jener Partei, die für einen Übungsabbruch plädiert.«

Der angesprochene Anwalt, ganz in schwarz gekleidet, erhebt sich und beginnt sein Plädoyer: »Euer Ehren, werte Jurymitglieder. Die Evolution, die uns letztlich die Frage gestellt hat, ob ihr eigenes Experiment mit der Entwicklung der Spezies Mensch geglückt sei oder nicht, hat diese Frage zum Schluss ihres Votums eigentlich schon selber beantwortet. Sie hat mit wenigen dürren Worten eine biologische Art geschildert, die für das ganze Leben auf der Erde, das sich über Milliarden von Jahren mühsam entwickelt hat, zu einer Belastung und zu einer Bedrohung geworden ist. Wenn die Evolution also nicht Gefahr laufen will, dass wegen der einen Spezies alles von ihr sonst geschaffene Leben ausgerottet wird, muss sie diese Übung abbrechen und die Menschheit von der Erde wieder entfernen.

Sie hat die schlimmen Produkte der Menschheit bereits angesprochen: Kriege. Ungerechtigkeit. Armut. Naturzerstörung. Sie alle wissen, wenn Sie nicht gerade Scheuklappen tragen, um den schlimmen Zustand dieser Welt. Und das Schlimmste ist, dass es keine Aussicht auf eine Verbesserung dieses Zustands gibt. Gäbe es diese Hoffnung, würde ich mir überlegen, für eine Fortsetzung des Experiments Mensch zu plädieren.

Dass es sie nicht gibt, liegt an Ihnen selbst, verehrte Madame Evolution. Denn Sie haben, mit Verlaub, bei der Erschaffung der Spezies Mensch gepfuscht. Sie haben ihn so geschaffen, dass er gar nicht anders kann, als sich dumm und zerstörerisch zu verhalten.

Als Beweis für diese These habe ich sieben Kronzeugen aufgerufen. Sie alle sind elementare Bestandeile der menschlichen Natur und deshalb vital und einflussreich wie eh und je. Sie alle haben das menschliche Verhalten seit jeher beeinflusst und bestimmt, und es gibt keinen Grund zur Hoffnung, dass sich das jemals ändern könnte.

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Darf ich vorstellen? Die sieben Laster, die manchmal fälschlich auch als sieben Todsünden bezeichnet werden. Dabei geht es „nur“ um schlechte Charaktereigenschaften, die den Menschen offenbar unausrottbar angeboren sind. Ich verwende für diese Vorstellung bewusst die Bezeichnungen und Beschreibungen der klassischen Theologie, die für mich durchaus bis heute Gültigkeit haben:

  • Ø Superbia oder Hochmut. Dazu gehören Stolz, Eitelkeit und Übermut.
  • Ø Avaritia oder Geiz, dessen Kehrseite die Habgier ist.
  • Ø Luxuria oder Wollust. Dieses antiquierte Wort verstehen wir besser, wenn wir von Ausschweifung, Genusssucht und Begehren reden.
  • Ø Ira oder Zorn, inklusive Wut und Rachsucht.
  • Ø Gula oder Völlerei. Darunter verstehen wir Gefrässigkeit, Masslosigkeit und Selbstsucht.
  • Ø Invidia oder Neid, also Eifersucht und Missgunst.
  • Ø Acedia oder Faulheit, wozu auch Feigheit, Ignoranz und Trägheit des Herzens gehören.

Ich überlasse es Ihnen, werte Geschworene, sich bei jedem dieser aufgeführten Laster zu überlegen, welche verheerenden Folgen sie für das menschliche Zusammenleben haben. Ein Geschöpf, das mit solchen Charaktereigenschaften ausgestattet ist, taugt nicht zu Herrschaft über unseren Planeten. Und sagen Sie mir nicht, die Menschheit bekämpfe diese Laster entschieden. Im Gegenteil: Gerade hat das amerikanische Volk einen Präsidenten gewählt, der alle sieben Laster geradezu prototypisch verkörpert. Wenn Sie sich das vergegenwärtigen, können Sie eigentlich nur zu einem Urteil kommen.«

Die Anwältin der Gegenpartei ist in hellen Farben gekleidet und legt gleich los: »Werter Herr Kollege, Sie haben zu Recht auf die Existenz der sieben Laster hingewiesen, die zur Grundausstattung des Menschen zu gehören scheinen. Insofern ist es richtig, dass der Mensch als Geschöpf der Evolution ein Erbstück mit sich trägt, das schlimme Folgen nicht nur haben kann, sondern offensichtlich auch hat.

Doch Sie haben vergessen zu erwähnen, dass die Evolution gleichzeitig im Menschen auch ein Gegenstück angelegt hat, nämlich die vier Kardinalstugenden. In unserer Tradition gelten diese als christliche Kardinalstugenden, doch mir scheint, deren Geltung und deren Wirksamkeit bei der Weckung der hellen Seiten des Menschen gilt universal.

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Der Philosoph Josef Pieper macht in der Tradition von Thomas von Aquin die folgenden christlichen Kardinalstugenden aus:

- Klugheit

- Gerechtigkeit

- Tapferkeit

- Mässigung

Dabei räumt er der Klugheit den ersten Rang ein. Aus ihr heraus werden alle anderen Tugenden geboren. Die Klugheit ist das Maß der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und der Mäßigung. In der orientierungslosen Nachkriegszeit fasste er diesen christlichen Glaubensgrundsatz prägnant zusammen:

Keinen Satz der klassisch-christlichen Lebenslehre gibt es, der dem Ohr des heutigen Menschen, auch des Christen, so unvertraut, ja so fremd und wunderlich klingt wie dieser: dass die Tugend der Klugheit die Gebärerin und der Formgrund aller übrigen Kardinalstugenden ist, der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und der Mässigung: dass also nur wer klug ist, auch gerecht, tapfer und massvoll sein kann; und dass der gute Mensch gut ist kraft seiner Klugheit.

Die vier genannten Tugenden sind das beste Gegenmittel, um die negativen Auswirkungen der sieben Laster zu bekämpfen. Mässigung etwa hilft gegen Wollust und Völlerei, Gerechtigkeit gegen Hochmut und Zorn, aber auch gegen den Neid. Tapferkeit heilt Faulheit.

Und Klugheit, die wir auch etwas weniger hochtrabend als Vernunft bezeichnen könnten, ist äusserst hilfreich, wenn es darum geht, dass der Mensch die negativen Auswirkungen von Habgier und Geiz erkennt, schadet dieses Laster doch nicht nur den anderen, sondern letztlich auch dem Habgierigen selbst.

Werte Geschworene! Ich kann es nicht leugnen: Die Evolution, die uns heute um einen Entscheid ersucht, hat selbst im Menschen ausreichend negative Eigenschaften angelegt, die einen sofortigen Abbruch der Übung Menschheit rechtfertigen würden. Doch sie hat in ihrer Weisheit auch gleich das Gegengift mitgeliefert, die vier Tugenden, die ich hier als Kronzeugen mitgebracht habe. Sie sind, wenn wir sie ausrechend hoch schätzen und richtig einsetzen, sehr wohl in der Lage, den etwas unglücklichen real existierenden Menschen zu einem besseren Wesen zu machen. Darauf sollten wir setzen und der Menschheit noch eine Chance geben sich weiterzuentwickeln.

Doch gibt es diese Chance wirklich? Erlauben Sie, Herr Vorsitzender, dass ich als Zeugen eine Sachverständige aufrufe, die mithelfen könnte, diese Frage zu klären?«

Die Bitte wird ihr gewährt. Auftritt als Sachverständige die Reife. Anwältin: »Sie stehen für die Idee, der Mensch sei nicht ein für allemal festgelegt, sondern könne sich entwickeln, und zwar in Form von Reifung in eine positive Richtung. Gilt das für alle Menschen?«

Reife: »Ja, wenn Sie den Schwerpunkt auf „können“ legen. Einen Automatismus gibt es nicht. Zwar erhöht die stetig zunehmende menschliche Lebensdauer die Chancen auf Reifung, denn jeder Reifungsprozess braucht seine Zeit. Doch es gilt die Regel: Älter werden wir von allein – reifer nicht. Nehmen Sie als Beispiel den in diesem Prozess schon einmal erwähnten neuen amerikanischen Präsidenten. Der ist zwar schon siebzig, aber er verkörpert sämtliche Merkmale von Unreife. Bei ihm herrschen die sieben Laster ungehemmt, von einer erstarkenden Rolle der Tugenden ist leider nichts zu spüren.«

Anwältin: »Gibt es dennoch eine Chance, dass genügend Menschen im positiven Sinne reifen, um die Menschheit insgesamt reifer und besser zu machen?«

Reife: »Ja, die gibt es. Seit über einem Jahr gibt es jetzt im deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ eine Rubrik mit dem schönen Namen „Früher war alles schlechter“. Darin wird immer wieder überzeugend nachgewiesen, dass die Menschheit tatsächlich auf vielen Gebieten Fortschritte gemacht hat. Allein das ist Beweis genug dafür, dass die Menschheit grundsätzlich dazu fähig ist, sich in Richtung des Besseren weiterzuentwickeln. Im Menschen ist die Fähigkeit angelegt, stetig dazuzulernen und dadurch zu reifen. Eine Garantie dafür, dass die Spezies Mensch diese Chance auch nutzt, gibt es natürlich nicht, doch ein Blick zurück zeigt, dass sie es immer weder getan hat. Ich bin deshalb optimistisch, dass die Menschheit auch in Zukunft weiter reifen wird.«

Danach ruft der Anwalt der Partei mit der schwarzen Weltsicht ebenfalls einen Sachverständigen in den Zeugenstand, den Realismus, und fragt ihn: »Herr Realismus, halten Sie es für möglich, dass die im Menschen angelegten Tugenden es eines Tages schaffen werden, die unzweifelhaft vorhandenen Laster zu überwinden?«

Realismus: »Nein, das glaube ich nicht. Nehmen Sie als Beispiel nur die Untugend der Gier, verbunden mit jener der Masslosigkeit. Noch immer bestimmt diese Kombination wesentliche Teile unseres Wirtschaftslebens. Ich denke dabei nicht nur die Abzocker ganz oben. Auch wenn ein sogenannt Kleiner seine Versicherung bescheisst, wird er von diesen Untugenden getrieben. Viele, ja allzu viele Menschen glauben immer noch, immer mehr materielle Güter würden sie zufriedener oder gar glücklicher machen. Dabei ist längst bewiesen, dass das nicht stimmt. Doch masslose Gier erweist sich als stärker denn die Tugend der Vernunft. Das stimmt mich in Sachen Lernfähigkeit der Menschheit eher pessimistisch.«

Anwalt: »Dann stimmen Sie also meiner zugegebenermassen drastischen Diagnose zu, wonach der Mensch eine Fehlkonstruktion ist, von seinen Anlagen her dazu verdammt, in absehbarer Zeit sich selbst und wesentliche Teile seiner natürlichen Umwelt zu zerstören?«

Realismus: »In der Tat spricht vieles für diese Diagnose, so traurig sie auch klingt. Den Menschen als Krone der Schöpfung zu betrachten, wie dies viele immer noch tun, halte ich jedenfalls für eine Illusion. Und wenn, dann handelt es sich um eine ziemlich jämmerliche Krone. Sicher, im Menschen sind auch positive Seiten angelegt, wie die vier hier als Kronzeuginnen anwesenden Tugenden zeigen. Aber es scheint mir kein Zufall zu sein, dass es in der klassischen Überlieferung sieben Laster gibt, aber nur vier Tugenden. Für mich ist das ein Abbild der tatsächlichen Kräfteverhältnisse. Deshalb sind am Ende die Laster meist stärker als die Tugenden.«

Der Anwalt hat keine weiteren Fragen an den Sachverständigen, wohl aber die Anwältin: »Herr Realismus, Sie haben in Ihren Aussagen Formulierungen wie „eher pessimistisch“ oder „meist stärker“ verwendet. Das weist darauf hin, dass Sie nicht von Gewissheiten reden, sondern höchstens von Wahrscheinlichkeiten. Stimmen Sie mir da zu?«

Realismus: »Ja, das stimmt. Auch der überzeugteste Realist hat nie Gewissheit, wenn es um die Zukunft geht, denn die Zukunft ist grundsätzlich offen. Er kann höchstens Wahrscheinlichkeiten abschätzen. Dabei allerdings überwiegt für mich die Wahrscheinlichkeit, dass das evolutionäre Experiment mit der Menschheit böse enden wird.«

Der Richter bittet die beiden Anwälte um ein kurzes Schlussplädoyer.

Anwalt: »Werte Geschworene, Sie haben es gerade gehört: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen nicht in der Lage sein werden, genügend schnell genügend viel dazuzulernen, ist wesentlich höher als jene, dass dies gelingen könnte. Es macht daher keinen Sinn, dass die Evolution dieses Experiment weiterführt und damit den ganzen Globus gefährdet. Entscheiden Sie daher für Übungsabbruch.«

Anwältin: »Meine Damen und Herren Geschworene, vergessen Sie bei Ihrer Entscheidung bitte nicht eine bisher nicht erwähnte weitere Eigenschaft, die im Menschen angelegt ist: das Prinzip Hoffnung. Diese stirbt bekanntlich zuletzt, und so lange es nicht mit Sicherheit auszuschliessen ist, dass die Menschheit doch noch die Kurve zum Besseren schafft, lebt die Hoffnung weiter. Sie haben gehört, dass es diese Chance durchaus gibt, und so lange das so ist, sollte die Evolution mit ihrem Experiment Menschheit weitermachen.«

 

Die Jury zieht sich zur Beratung zurück. Der vorsitzende Richter erklärt ihr, wie aus seiner Sicht die Ausgangslage und die Entscheidungssituation aussieht: »Meine Damen und Herren, Sie stehen vor einem schweren Entscheid. Sie könnten zu Recht befürchten, dass eine Entscheidung zugunsten eines Übungsabbruchs nicht nur Ihre eigene Auslöschung bedeuten würde, sondern auch jene Ihrer Kinder und Enkel, und das kann niemand, der nicht von schweren Depressionen geplagt wird, wirklich wollen.

Ich kann Sie allerdings beruhigen. Wenn ich die Evolution richtig verstanden habe, geht es ihr nicht um Sofortmassnahmen. Bedenken Sie, dass die Evolution in sehr langen Zeiträumen wirkt und deshalb auch denkt. Ein paar Generationen der Menschheit sind für sie ein Nichts, auch wenn es uns damit anders geht.

Nein, ich glaube, die Evolution ist einfach zutiefst verunsichert. Sie weiss nicht mehr, ob es richtig oder falsch war, auf unserem schönen Planeten, der sehr lange ganz gut ohne die Menschen gelebt hat, diese neue Spezies einzuführen, die in erdgeschichtlich kürzester Zeit so viel in Bewegung gebracht hat, im Guten wie im Schlechten.

Die Evolution hat diese neue Spezies mit einer gehörigen Portion der Fähigkeit zur Selbsterkenntnis ausgestattet. Und diese Fähigkeit möchte sie jetzt nutzen. Sie möchte wissen, wie die Betroffenen das selbst sehen: Glauben die Menschen, dass sie von der Evolution mit genügend positiven Fähigkeiten und Eigenschaften ausgestattet worden sind, um die Wende zum Besseren zu schaffen? Oder sind sie der Ansicht, dass ihn ihnen die destruktiven Eigenschaften und Kräfte überwiegen, so dass keine Aussicht auf Besserung besteht?

Die Entscheidung liegt jetzt bei Ihnen: Wenn Sie der Ansicht sind, der Mensch sei eine Fehlkonstruktion, entscheiden Sie für Übungsabbruch. Und wenn Sie glauben, es bestehe eine realistische Chance, die in im Menschen vorhandenen Tugenden könnten seine Laster mehr und mehr im Schach halten, dann stimmen Sie für Weitermachen. Ich bitte jetzt um Ihr Votum.«

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