Wahrhaftigkeit

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Plädoyer für einen vernachlässigten Wert

Der Glaube an eine einzige, alles andere ausschliessende Wahrheit ist das pure Gegenteil von Wahrhaftigkeit. Damit könnte dieser Wert zum wertvollen Gegenmittel zur um sich greifenden Ideologisierung öffentlicher Debatten werden.

Zum Anfang drei Zitate

Wenn die Fakten nicht zur Theorie passen – umso schlimmer für die Fakten. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel)

Wenn die Fakten nicht zur Theorie passen, dann ändere die Fakten. (Albert Einstein)

Unlogischerweise werden Tatsachen verdreht, damit sie zu Theorien passen, anstatt Theorien den Tatsachen anzupassen. - Es ist ein kapitaler Fehler, eine Theorie aufzustellen, bevor man entsprechende Anhaltspunkte hat. Unbewusst beginnt man Fakten zu verdrehen, damit sie zu den Theorien passen, statt dass die Theorien zu den Fakten passen. (Sir Arthur Conan Doyle, Schöpfer von Sherlock Holmes)

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Fakten sind bunt, Theorien grau...

Frühe Erkenntnis

Als junger Marktforscher, also in grauer Vorzeit, war ich einmal Projektleiter einer Studie, die mein Institut im Auftrag der Schweizer Bierbrauer durchführte. Diese standen damals unter politischem Druck, die Bierpreise zu erhöhen, um vor allem Jugendliche von übermässigem Biergenuss abzuhalten. Die Frage lautete, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Bierpreis und Bierkonsum gebe, vor allem bei Jugendlichen.

Ich bin damals diese Frage auf verschiedenen methodischen Pfaden angegangen und zu einem eindeutigen Schluss gekommen: Es gibt keinen relevanten Zusammenhang, eine Preiserhöhung wird folglich nicht zu einer Konsumverminderung führen. Dieses Ergebnis habe ich bei der Präsentation der Resultate den versammelten Bierbrauern mitgeteilt.

Nach der Präsentation kam der Chef einer Brauerei aus meinem damaligen Heimatkanton auf mich zu und äusserte sein Erstaunen. Er wusste, dass ich auch politisch aktiv war, und zwar für eine Partei, die eine Bierpreiserhöhung zwecks Jugendschutzes auf ihre Fahne geschrieben hatte. Ob dieser Widerspruch zwischen der Position meiner Partei und dem Ergebnis der Studie mir keine Probleme bereite, wollte er wissen.

Meine Antwort kam ganz spontan, ohne dass ich darüber nachdenken musste: Im Zweifelsfall sind mir die Fakten immer wichtiger als eine ideologische Theorie. Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie wichtig mir der Wert Wahrhaftigkeit ist. Und aus heutiger Sicht weiss ich, dass ich deswegen die Politik längst aufgegeben habe, aber Sozialforscher geblieben bin.

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Eigenes Denken auf dem Boden der Tatsachen...

Ohne Fakten kein eigenständiges Denken

Im Nachlass meines Vaters, der übrigens ironischerweise lange als Chauffeur in jener Brauerei gearbeitet hatte, deren Besitzer mich zu meiner erhellenden Antwort gebracht hatte, fand sich auf einem Zettel in seiner Handschrift dieser Satz: „Wer sich das Denken abnehmen lässt, dieses einzig absolut Eigene, was der Mensch besitzt, mit dem ist es aus.“

Dieses Vermächtnis habe ich übernommen und es auf meine Weise erweitert. Dabei half mir eine Erkenntnis, die sich im Laufe eines langen Lebens verfestigt und vertieft hat: Am Anfang jedes eigenständigen Denkens stehen die Fakten. Oder, um es pathetisch zu formulieren, die Suche nach Wahrheit. Diese Suche ist es, die für mich der Wert Wahrhaftigkeit bedeutet.

Ein wichtiges literarisches Vorbild, das diesen Wert Wahrhaftigkeit verkörpert, war und ist für mich der Meisterdetektiv Sherlock Holmes und sein eingangs zitiertes Plädoyer für den unbedingten Vorrang der Fakten vor den Theorien. Die Lehre aus den Detektivgeschichten ist klar: Vorgefasste Meinungen, also Theorien und Ideologien, verzerren den Blick auf die Wirklichkeit. Und mit einem verzerrten Bild der Welt lässt sich weder ein Kriminalfall lösen noch ein gesellschaftliches Problem.

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Die Wahnidee von der einzigen Wahrheit...

Wahrheiten aushalten

In einem Fernsehinterview äusserte neulich eine Anhängerin der deutschen Pegida-Protestbewegung auf den Vorhalt, eine von ihr eben vorgetragene Horrorgeschichte über böse Ausländer stimme nachweisbar nicht, sinngemäss: »Das mag ja sein, aber ich glaube die Geschichte trotzdem!«

Im Klartext heisst das: „Die Fakten sind mir sch....egal, Hauptsache, ich kann mich weiterhin im Schrebergarten meiner Vorurteile bequem einigeln. Ich glaube an die eine einzige Wahrheit, und der muss sich alles andere unterordnen.“

Das Motto einer ungewöhnlichen Wissenschaftssendung im österreichischen Fernsehen lautet: Wer nichts weiss, muss alles glauben. Deshalb werden in dieser Serie auf ebenso kluge wie vergnügliche Weise wissenschaftliche Wahrheiten präsentiert.

Wahrheiten wohlgemerkt, nicht Wahrheit. Wer dem Lockruf des Werts Wahrhaftigkeit folgt, wird schnell zur Einsicht gelangen, dass es so etwa wie die Wahrheit nicht gibt. Vielmehr ist die Welt voller Wahrheiten, die viel zu vielschichtig, komplex und widersprüchlich sind, um sich für unser beschränktes Menschengehirn jemals zur einen und einzigen Wahrheit zusammenfügen zu lassen.

Vor vielen Jahren gab es in der Schweiz mal einen kleinen Skandal: Der mit der Gestaltung des Schweizer Beitrags zu einer Weltausstellung beauftragte Künstler hatte die Losung ausgegeben: La Suisse n’existe pas! Die Schweiz existiert nicht! Wackere Patrioten empfanden dies als Angriff auf ihr Ländle. Dabei hatte der Künstler doch nur gemeint, dass es die eine, einheitliche und einzige Schweiz nicht gäbe, sondern stattdessen eine bunte Vielfalt unterschiedlicher Schweizen: Die Schweiz existiert nicht...

Was für dieses kleine Land gilt, gilt natürlich überall: Statt uns darüber zu streiten, welches die eine Wahrheit sei, sollten wir die Existenz vieler Wahrheiten akzeptieren, ja als Bereicherung erleben. Doch das scheint alles andere als einfach. Auf seiner eigenen „Wahrheit“ zu beharren und alle Fakten auszusperren, die dieser widersprechen könnten, ist eine geistige Untugend, die sich keineswegs auf Pegida-Anhänger beschränkt. Die Welt nur aus der eingeschränkten Perspektive der eigenen Scheuklappen wahrzunehmen, engt zwar die geistige Freiheit ein, ist aber auch sehr bequem...

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Wahrhaftigkeit kann ästhetisch sehr befriedigend sein...

Hoffnung

Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens... In trüberen Stimmungslagen bin ich bereit, dieser pessimistischen Einschätzung zu folgen. In helleren dagegen sehe ich keine andere Möglichkeit, als den Wert Wahrhaftigkeit zu fördern. Die Erfolge mögen beschränkt sein, doch es gibt auch Hoffnung: Die Suche nach Wahrhaftigkeit, nach Wahrheiten jenseits der einen und einzigen, wird genährt von starken menschlichen Antrieben: Neugier, Interesse, Offenheit, Lust am freien eigenen Denken. Und diese Antriebe lassen sich fördern, in der Erziehung und auch später.

Am wichtigsten sind dabei glaubwürdige Vorbilder, die überzeugend vermitteln, dass Wahrhaftigkeit zwar einige geistige Anstrengungen erfordert, aber auch Befriedigung verschafft und Spass macht. Wahrhaftigkeit kann ansteckend sein...

wahr.schatt

Autor, dem Pfad der Wahrhaftigkeit folgend...


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