Die Gängel-Gesellschaft

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Droht eine kommerzielle Werte-Diktatur?

Ein Plädoyer für Werte-Freiheit

Während die Werte-Diktaturen durch Religionen und Gesellschaften wenigstens hier zu Lande überwunden scheinen, erscheint an einem ziemlich nahen Zeithorizont die Gefahr einer neuen Werte-Diktatur, diesmal gelenkt von kommerziellen Interessen. Achtsamkeit ist angebracht.

Es liegt sicher daran, dass ich in jungen Jahren den vermutlich einschneidendsten Werte-Wandel, den es je gab, als teilnehmender Beobachter miterlebt habe. Damals, in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, ging es weniger darum, dass alte Werte durch neue abgelöst wurden. Vielmehr fand eine entscheidende Umwälzung in der Frage statt, wer eigentlich über unsere Werte bestimmt.

Die längste Zeit in der menschlichen Geschichte hatten bis dahin religiöse oder staatliche Institutionen die vorherrschenden Werte ein für allemal und verbindlich festgelegt. Religiöse und/oder ideologische Interessen bestimmter Machtgruppen legten fest, was richtig und was falsch war. Der einzelne Mensch hatte sich dieser Werte-Diktatur zu beugen, oder er riskierte schwerwiegende Sanktionen.

Erst in der genannten Zeit begann sich die Macht, über individuelle Werte zu bestimmen, so richtig in Richtung Individuum zu verschieben. Mehr und mehr konnte jetzt der einzelne Mensch selbst darüber entscheiden, welche Werte ihm wichtig sind. Dieser Prozess ist noch nicht zu Ende, doch er ist weit fortgeschritten und wird mit Recht als eine der grössten Errungenschaften unserer westlichen Zivilisation gepriesen – gerade angesichts der zunehmenden Konfrontation mit Kulturen, in denen noch mehr oder weniger unverblümte Werte-Diktatur herrscht.

In diesem liberalen Werte-Verständnis soll der Staat zwar das menschliche Zusammenleben regeln, nicht aber das individuelle Leben. Dies, und somit auch die Wahl der eigenen Werte, ist ausschliesslich Sache des Individuums – so lange dieses damit niemandem schadet.

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Datensammlung allenthalben...

Eine Horrorvision

Obwohl ich an sich optimistische Zukunftsausblicke bevorzuge, habe ich letzter Zeit gelegentlich eine Zukunftsvision, die ich alles andere als erfreulich finde: Angetrieben vom körperlichen Optimierungswahn nutzen immer mehr Menschen am Körper getragene oder gar implantierte Geräte, deren Sensoren alle möglichen Daten über den jeweiligen Körperzustand sammeln. Diese Daten werden verarbeitet und in konkrete Empfehlungen zur Optimierung des Gesundheitszustandes der jeweiligen Person umgesetzt.

So weit, so gut, könnte man sagen, wenn da nicht die Tatsache wäre, dass diese Daten nicht in den Geräten oder im persönlichen System des Nutzers verbleiben, sondern an die Betreiber der Geräte weitergeleitet werden, von wo aus sie weiss der Kuckuck wohin abfliessen können.

Interessenten für solche Gesundheitsdaten gibt es genug, etwa den Arbeitgeber, der das Krankheitsrisiko eines Bewerbers einschätzen möchte. Und vor allem natürlich die (Kranken-)Versicherungen. Unter dem Stichwort „risikogerechte Prämiengestaltung“ interessieren sie sich brennend dafür, wie gesund oder ungesund ein Versicherungsnehmer lebt.

Schon länger gibt es Bestrebungen, Menschen mit einem risikoreicheren Lebensstil mit höheren Prämien zu bestrafen, Drachenflieger zum Beispiel, oder Raucher. Bisher ist dies unter anderem daran gescheitert, dass man zur Feststellung von Rauchern auf deren Selbstauskünfte angewiesen wäre. Das dürfte sich bald ändern, in Gesundheitsuhren einen Rauchsensor einzubauen, dürfte keine Hexerei sein. Der nächste Schritt könnten dann Sensoren sein, die Alam schlagen, wenn jemand ungesundes Essen zu sich nimmt. Und die lückenlose Erfassung von Bewegungsaktivitäten gibt es schon. Warum also nicht Bewegungsmuffel mit höheren Prämien bestrafen, und Bewegungsfreudige mit tieferen anlocken?

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Sicher kein gesunder Lebensstil...

Gängelband

Auf den ersten Blick sehen diese Entwicklungen, wie von ihren Promotoren propagiert, durchaus menschenfreundlich aus. Menschen mit wirksamen Methoden, die ohne eigentlichen Zwang auskommen, zu einem gesünderen Lebensstil zu animieren: Das kann doch nicht falsch sein?

Zweifellos wird kein Mensch, der seine Sinne beisammen hat, bestreiten, dass Gesundheit für ihn zu den zentralen Werten gehört. Problematisch wird es erst bei der Frage, was Gesundheit denn eigentlich bedeutet. Darauf haben die Vertreter des medizinisch-pharmazeutischen Komplexes, zu denen mehr und mehr auch die Datenkraken gehören, eine simple Antwort: Gesundheit ist die Abwesenheit von Krankheit.

Dazu kursiert in Ärztekreisen selbst das schöne Bonmot, ein angeblich Gesunder sei nur nicht von einer genügenden Anzahl Ärzte untersucht worden. Irgendwann wird also jeder krank, vor allem dann, wenn man Krankheit immer grosszügiger interpretiert. Als Abweichung von der Norm irgendeiner Körpermessgrösse. Es gibt eine eindeutige Tendenz, den Rahmen des Erlaubten immer enger festzulegen. Wird z.B. beim Blutdruck der Messpunkt heruntergeschraubt, ab dem jemand Bluthochdruck hat, gibt es automatisch mehr Kranke.

Je mehr Körperdaten gemessen, gesammelt und ausgewertet werden, desto mehr steigt die Chance, eine Abweichung von der Norm festzustellen. Schon empfindet sich jemand, der sich bisher eigentlich gesund gefühlt hat, als krank und wird empfänglich für allerlei mehr oder weniger sanfte Lenkungsmassnahmen.

Für manche mag das hilfreich sein. Andere dagegen, zu denen ich mich zähle, empfinden diese einschränkende Definition von Gesundheit und die daraus abgeleiteten Beeinflussungsversuche als Gängelei. Für sie ist Gesundheit mehr als die Abwesenheit jeder noch kleinen Störung bei einem Messwert. Für sie gehören zu Gesundheit auch Werte wie Lebensfreude und Genuss, vor allem aber Selbstbestimmung. Und diese Menschen fühlen sich sehr wohl in der Lage, selber achtsam mit ihrer Gesundheit umzugehen, auch ohne ständige Überwachung durch technische Messgeräte.

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Kein Raum für Geheimnisse mehr?

Bedrohte Freiheit

Niemand wird gezwungen, solche Geräte anzuschaffen und zu nutzen, und auch die Weitergabe der so gewonnenen Daten ist freiwillig. Das stimmt – bis zu einem gewissen Punkt. Hat allerdings die Zahl derjenigen, die freiwillig mitmachen, einmal eine kritische Masse erreicht, wird es für die Übriggeblieben kritisch: Wer seine Daten verweigert, hat offenkundig etwas zu verbergen. Dass jemand einfach nur seine Privatsphäre, die ihm heilig ist, schützen möchte, ändert nichts daran, dass er unter zunehmenden Druck geraten wird, beim grossen Transparenzspiel doch mitzuwirken. Was bedeutet, dass er sich der Werte-Diktatur in Form einer allzu engen Definition von Gesundheit unterwirft. Und schon ist wieder ein Stück Werte-Freiheit weg.

Es gibt andere Gebiete, wo ähnliche Entwicklungen absehbar sind. So wird etwa in Finanzkreisen der Ruf nach völliger Abschaffung von Bargeld immer lauter. Das wäre möglich, grundsätzlich könnten schon heute alle Zahlungsvorgänge digital abgewickelt werden. Und es wäre nützlich: Bargeld ist teuer, und es spielt in der kriminellen Wirtschaft eine wichtige Rolle, seine Abschaffung würde also weniger Kosten und mehr Sicherheit bringen.

Die Kehrseite: Künftig wird jede Zahlung digital erfasst und gespeichert. Dieses Wissen bedeutet Macht. Umgekehrt wird ein bisher wichtiger Bereich des menschlichen Lebens beeinträchtigt, das Reich von Heimlichkeiten und Geheimnissen.

Dasselbe gilt für das kommende Verkehrssystem, das zu wesentlichen Teilen auf selbstfahrenden Fahrzeugen beruhen wird. Das wird in Form von drastisch sinkenden Unfallzahlen und flüssigerem Verkehr zweifellos Vorteile bringen. Andererseits wird es bedeuten, dass, zusammen mit neuen Bezahlmodellen im öffentlichen Verkehr, für jeden von uns lückenlose Bewegungsprofile möglich sein werden. Eine heimliche Fahrt zur Pflege eines Geheimnisses wird dann nicht mehr möglich sein.

Wer argumentiert, angesichts der unbestreitbaren Vorteile von Datensammlung und Datenverwertung müsse man auf einen Luxus wie die Pflege von Privatsphäre verzichten, hat gute Gründe auf seiner Seite. Ist es nicht tatsächlich luxuriöses Wollen, wenn man einen Raum bewahren möchte, in dem Heimlichkeiten und Geheimnisse Platz haben, von dem niemand oder höchstens ein paar bewusst Ausgewählte wissen?

Es mag altmodisch erscheinen, aber für mich gehört eben dieser Raum zum grösseren Raum meiner persönlichen Freiheit, und deshalb ist er mir wichtig. Ich möchte manchmal etwas bezahlen, ohne dass jemand davon erfährt, und das geht nur in bar. Und ich möchte verreisen können, ohne dass es die halbe Welt weiss und sich fragt, warum und wozu ich das tue.

Das mit der halben Welt ist natürlich leicht übertrieben. Wirklich interessieren wird sich für meine Daten nur, wer sich davon einen kommerziellen Nutzen verspricht. Doch schon das ist mir zu viel. Ich möchte nicht, dass eine an Profit orientierte Organisation mir unter dem Vorwand, es handle sich dabei um eine gesellschaftlich nützliche Sache, vorschreibt, welche Werte mir wichtig zu sein haben.

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Identische Einzelfälle gibt es nicht...

Die Statistik-Falle

Hätte ich die Gewissheit, irgendein digitales Gesundheitssystem würde mir todsichere Empfehlungen und Tipps für die Förderung meiner Gesundheit liefern, wer weiss, vielleicht würde ich meine Daten dann doch ausliefern. Doch das ganze sich gerade abzeichnende System beruht auf einem elementaren Denkfehler.

Ich bin als Individuum ein Einzelfall. Alle Erkenntnisse über die Gesundheit fördernde oder sie einschränkende Faktoren und Massnahmen beruhen auf einer statistischen Analyse einer grossen Zahl von Einzelfällen. Solche statistischen Analysen jedoch bringen nie eindeutige Gewissheiten über Zusammenhänge zutage. Ihre Währung ist nicht Gewissheit, sondern Wahrscheinlichkeit.

Jemand, der wie ich ein Faible für statistisches Denken hat, weiss um die Nützlichkeit solcher Wahrscheinlichkeitsberechnungen. Wenn die Wetterprognose mit einer Wahrscheinlichkeit von neunzig Prozent heftige Gewitter voraussagt, ist es nicht sehr klug, zu einer Bergtour aufzubrechen. Andererseits gilt ein ehernes Gesetz: Die aus einer grossen Zahl von Einzelfällen ermittelte Wahrscheinlichkeit sagt nichts über den Einzelfall. Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto den Haupttreffer zu gewinnen, ist verschwindend klein, und doch gibt es immer wieder Lottomillionäre.

Das gilt auch im Gesundheitsbereich: Statistisch gesehen ist Rauchen zweifellos ungesund, was aber den deutschen Altbundeskanzler Helmut Schmidt nicht daran gehindert hat, sein Leben lang fröhlich paffend fast hundert Jahre alt zu werden. Das ist zugegebenermassen ein krasses Beispiel, das sich allerdings beliebig erweitern liesse. Nicht alle nützlichen Massnahmen nützen allen Menschen gleichermassen, und ebenso wenig sind „negative“ Einflüsse oder Lebensstile für alle gleich schädlich. Dazu sind wir Menschen individuell einfach zu unterschiedlich.

Wenn nun irgendein System, vielleicht sogar in guter Absicht, mir empfiehlt, mein Verhalten zu ändern, weil sonst mit einer so und so grossen Wahrscheinlichkeit Ungemach drohe, dann missachten es die Tatsache, dass ich als statistischer Einzelfall ebenso gut zu jener mehr oder weniger grossen Randgruppe gehören könnte, für die der vermutete Zusammenhang eben nicht gilt. Wenn das System dann auf seinem Ratschlag beharrt, wird dieser tatsächlich zum Schlag, der mir etwas vorschreiben will, was mir nichts nützt oder gar schadet.

Dazu zum Schluss ein etwas fröhlicher stimmendes Beispiel: Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine unmittelbar nach einer schmerzlichen Trennung eingegangene neue Liebesbeziehung nachhaltig hält, ist gering. Jeder Psychotherapeut, der etwas auf sich hält, müsste einem davon abraten, sich entsprechende Hoffnungen zu machen, die Chance, dass eine solche Beziehung nur die Funktion der Fluchthilfe hat und deshalb keine Dauer, ist einfach zu gross. Sagt auch die Lebenserfahrung.

Meine Liebste und ich haben es dennoch gewagt. Das ist dieser Tage dreissig Jahre her. Statistisch unwahrscheinlich, aber faktisch möglich.

Hätten wir damals eine Therapeutin konsultiert, hätte die uns entschieden abraten müssen, uns darauf einzulassen. Es könnte der Tag kommen, an dem diese Rolle von einem digitalen Psychotherapiesystem übernommen wird. Auf beides kann ich gut verzichten. Ich will weiterhin meine Werte-Freiheit. Und beobachte deshalb sorgsam und achtsam, was in Richtung Gängel-Gesellschaft läuft, und was ich mit meinem Umgang mit Daten dazu beitrage.


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