Geschäften mit Hesse

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Frühe Gedanken zum Nachhaltigen Wirtschaften

In seiner berühmten Erzählung „Siddhartha“ beschreibt Hermann Hesse den Entwicklungsweg eines jungen Brahmanen und lässt diesen dabei auch eine Phase erleben, in der er sich als Kaufmann versucht. Was Hesse bei dieser Gelegenheit als Faktoren erfolgreichen nachhaltigen Wirtschaftens beschreibt, erweist sich wieder einmal als prophetisch.

Im Beitrag „Hermann Hesse – Prophet des Informationszeitalters“ wurden auf dieser Plattform schon einmal die prophetischen Qualitäten Hesses beschrieben. Ähnliches gilt für eine andere Fundstelle bei Hermann Hesse, diesmal bei der indischen Legende „Siddhartha. Eine indische Dichtung“.

In dieser Erzählung, erschienen 1922, schildert Hesse, den Legenden um den historischen Buddha folgend, den Entwicklungspfad von Siddhartha, der in die brahmanische Oberklasse hineingeboren wird, dort aber ausbricht, um sich auf die Suche nach Erleuchtung zu machen.

Dabei verbringt er zunächst einige Jahre als Samana, als Asket und Bettler. Auf die Dauer kann das seine Sehnsucht nach Erkenntnis nicht befriedigen, und er bricht auf in die Welt der „Kindermenschen“, die für die meisten von uns die alltägliche ist. Dort begegnet er der Kurtisane Kamal, von der er die Kunst der Liebe lernen will. Um sich das leisten zu können, wird er Kaufmann.

Natürlich dauert diese Karriere nicht ewig, doch sie verläuft, nach menschlichen Massstäben gemessen, durchaus erfolgreich. Siddhartha lässt sich von seinem Mentor, dem jungen, aber bereits etablierten Geschäftsmann Kamaswami alles beibringen, was man zum erfolgreichen Wirtschaften braucht, um bald auf eigene Rechnung Geschäfte zu machen, die ihm einen gewissen Wohlstand einbringen, an dem er jedoch nicht hängt. Irgendwann merkt er, dass er droht, selbst zum Kindermenschen zu werden, und verlässt die Stadt, seine Geliebte und deren noch ungeborenen Sohn (von dem er nichts weiss), um anderswo und anderswie zur Erleuchtung zu gelangen.

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Gelernt ist gelernt

Beim Bewerbungsgespräch von Siddhartha bei Kamaswami fragt ihn dieser: »Was ist es, das du gelernt hast, was du kannst?«

Siddhartha antwortet lakonisch: »Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten.«

Es ist eine ziemliche Anmassung, die Siddhartha da seinem zukünftigen Geschäftspartner zumutet. Er hat keine Ahnung vom Geschäftsleben – genau so wenig übrigens wie sein Schöpfer Hermann Hesse – und behauptet doch zu wissen, welches die Grundkompetenzen dafür seien. Doch bei näherer Betrachtung erweisen sich Hesses vor fast hundert Jahren formulierte Postulate tatsächlich als Fundamente erfolgreichen Wirtschaftens.

Vor allem dann, wenn man darunter nachhaltig erfolgreiches Wirtschaften versteht. Wer nachhaltig erfolgreich wirtschaften will, muss fasten können, das heisst, auf kurzfristige Profitmöglichkeiten zu verzichten, um das langfristige Überleben des Unternehmens zu sichern.

Er muss dafür warten können. Das bedeutet Geduld statt Hektik, Gelassenheit statt blinden Aktionismus, weder Euphorie bei erfolgreichen Geschäften noch tiefe Betrübtheit bei fehlgeschlagenen. Und vor allem bedeutet es, einen langfristigen Zeithorizont vor Augen zu haben – einen nachhaltigen also.

Schliesslich geht nachhaltiges Wirtschaften auch nicht ohne denken. Wie von modernen Auffassungen von Nachhaltigkeit gefordert, dürfen Wirtschaftsmenschen nicht im engen Denktunnel ihrer eigenen Interessen stecken bleiben, sondern müssen an vielfältige Interessen und in grösseren Zusammenhängen denken können. Und sie müssen vorausdenken können, die Folgen ihrer Entscheidungen bedenken. So gedacht ist es zum Beispiel sonnenklar, dass die so genannten Tugenden des ehrbaren Kaufmanns unabdingbar sind, wenn man eine für beide Seiten fruchtbare Geschäftsbeziehung auf Dauer erhalten will.

Womit bewiesen wäre, dass Siddharthas drei Kernkompetenzen denken, warten und fasten können, tatsächlich zur Richtschnur nachhaltigen Wirtschaftens taugen, obwohl sie von Hesse beschrieben wurden, lange ehe es den Begriff des nachhaltigen Wirtschaftens überhaupt gab.

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Distanzen

Hesses Beschreibung von Siddharthas Karriere als Kaufmann enthält für mich neben der Beschreibung der drei Kernkompetenzen noch zwei weitere anregende Impulse für das Nachdenken über nachhaltig erfolgreiches Wirtschaften:

Zum einen hat Siddhartha Erfolg, obwohl er von aussen kommt und keinen blassen Schimmer vom Geschäftsleben hat. Oder eben besser: Weil er das Ganze aus einer Perspektive von aussen betrachten kann und damit mehr sieht als ein Insider – die Metapher von der Betriebsblindheit enthält viel Weisheit. Die Dinge, die er wissen muss, lernt Siddhartha schnell und wendet sie erfolgreich an, doch im Inneren bleibt er derjenige mit der Aussenperspektive.

Woraus wir lernen, dass es immer gut tut, ein scheinbar wohl bekanntes Feld von aussen zu betrachten oder stellvertretend von aussen betrachten zu lassen. Gerade weil sie ungewöhnliche Betrachtungsweisen und nur scheinbar naive Fragen einbringen, können Beobachter von aussen den Horizont ungemein erweitern.

Zum anderen schildert Hesse den Kaufmann Siddhartha als Spieler. Er betrachtet Geschäfte als Spiel, identifiziert sich nie vollständig mit seinen Erfolgen und Misserfolgen, behält immer eine gewisse gelassene Distanz zu seinem eigenen Tun. Er nimmt sich selbst nicht so wichtig und wird dadurch zum Vorbild für nachhaltig orientierte Wirtschaftsleute. Das Reiten von Ego-Trips führt nun mal in die falsche, weil alles andere als nachhaltige Richtung.

Fazit: Auch Wirtschaftsführern täte es gut, nicht immer nur Fachliteratur zu lesen, sondern die Nase auch mal in Bücher zu stecken, die (wenn auch nur scheinbar) wenig bis Nichts mit Ökonomie zu tun haben...

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Kommentare  

 
# Dr. Leonhard Fopp 2016-02-14 18:20
Die Tugenden des ehrbaren Kaufmanns und die Kernkompetenzen von Hermann Hesse sind durchaus auch heute relevant, und werden von Familienunternehmern auch gelebt.
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