Optimismus und Vernunft

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

leader0

Interview mit Andreas Giger über die Zukunft

Seit kurzem gibt es im renommierten deutschen Nachrichtenmagazin SPIEGEL eine Rubrik namens „Früher war alles schlechter“, in der anhand von Fakten gezeigt wird, dass vieles auf dieser Welt eine positive Entwicklungstendenz hat. Diese These vertritt seit längerem Zukunfts-Philosoph und spirit.ch-Mitbegründer Andreas Giger, auch in einem Interview mit der Zeitschrift „ Leader“, Ausgabe März3/2016 (www.leaderonline.ch)

leader1

«Es ist uns noch nie so gut gegangen wie heute»

Finanzkrisen. Glaubenskriege. Umweltkatastrophen. Burnouts. Und eine Technik, die immer mehr menschliche Aufgaben übernimmt. Die Zukunft zeichnet ein düsteres Bild, würde man meinen. Doch Sozialwissenschaftler Andreas Giger appelliert an Optimismus und Vernunft. «Düstere Prognosen relativieren sich, wenn man genauer hinschaut.»

Interview: Nathalie Schoch / Porträt-Bilder: Ulmann Ruedi

Alles dreht sich heute um Produktivität und Wachstum. Immer mehr Menschen leiden unter diesem Druck. Geht es so weiter?

Wünschbar wäre, dass diese Entwicklung eine Kehrtwende macht. Denn es gibt genügend Gründe, den Druck in der Arbeitswelt zu senken, wenn man die beachtliche Zahl an psychischen Erkrankungen betrachtet. Ich fürchte aber, dass sich der Leidensdruck erhöhen muss, bis eine Umkehrung oder vielmehr ein Umdenken stattfindet. Auch wenn jeder Trend einen Gegentrend in sich hat, sehe ich ihn leider noch nicht. Er wird aber zwangsläufig kommen müssen, spätestens dann, wenn die Hälfte der Arbeitenden ein Burnout hat.

Trotz des Drucks und den daraus resultierenden Gesundheitsproblemen werden die Menschen immer älter. Sie arbeiten oft übers Pensionsalter hinaus.Was wird sich dadurch ändern?

Es gibt Befürchtungen, dass das Alter das Innovationspotenzial einer Wirtschaft schmälert, weil ältere nicht mehr so erfinderisch sind. Ich sehe das anders: Dadurch werden positive Tugenden wie Gelassenheit stärker. Wie heisst es so schön: Der Junge ist zwar von A nach B schneller, aber der Ältere kennt die Abkürzung. Ich denke, der Einfluss der Älteren wird sich in der Arbeitswelt eher noch stärker ausprägen.

Sehen Sie nebst mehr Gelassenheit weitere Chancen der immer älter werdenden Gesellschaft?

Zuerst einmal muss man sehen: Es ist historisch eine erstmalige Situation – und daran müssen wir uns erst einmal gewöhnen respektive lernen, damit umzugehen. Die Chance sehe ich in einer gewissen Wandlung der Werte. Studien zeigen zum Beispiel, dass Ökologie und Nachhaltigkeit eher ein Thema der Älteren sind. Obwohl es umgekehrt sein sollte. Und das zweite ist: Man besinnt  sich im Alter eher darauf, was wirklich wichtig ist. Ohne diese Werte-Umstellung wird es auch kein Masshalten in der Arbeitswelt geben.

Und die Risiken?

Hier stellt sich die Frage, wie wir das Ganze künftig finanzieren?  Aber grundsätzlich plädiere ich dafür, positiv zu denken. Das bringe ich auch in meinem Buch «Vision Schweiz» zum Ausdruck.

Wird unsere Erde irgendwann unter der Last der Menschen zusammenbrechen?

Es gibt auch hier eine Gegenthese. Abgesehen davon gibt es eine Sammlung von eindrücklichen Fortschritten, die die Menschheit gemacht hat. Deshalb habe ich ein gewisses Vertrauen in die Lernfähigkeit der Menschen. Ob es schnell genug gehen wird, um gewisse Katastrophen auszuschliessen, kann man schon bezweifeln. Es ist höchste Zeit, klüger zu werden, aber den globalen Weltuntergang sehe ich nicht.

Inwiefern sollten wir  klüger werden?

Indem wir Vernunft annehmen. Ein Beispiel: Wie vernünftig ist es, einen derart hohen Anteil an Lebensmitteln wegzuwerfen? Das könnten wir doch drastisch reduzieren. Auch bei der Mobilität gäbe es intelligentere Lösungen. Ansätze wie Carsharing sind bereits da.

Studien belegen, dass unsere Gesellschaft immer weniger Kinder «produziert». Sterben wir bald aus?

Die Geburtenrate in unseren Breitengraden liegt weit unter dem Durchschnitt von 2 Kindern, allerdings ist der Rückgang eindeutig gestoppt worden, in der Schweiz und Deutschland ist sogar eine leichte Erhöhung festzustellen. Die Erkenntnis hierfür lautet: Ddie Zukunft ist gestaltbar. Skandinavien oder Frankreich haben dieses Problem bereits erkannt und Massnahmen getroffen: Grosszügige Ausgaben für Familienleistungen, flexible Urlaubs- und Arbeitszeiten für Väter und Mütter sowie erschwingliche, hochwertige Kinderbetreuung. Das heisst, es ist kein unabänderliches Schicksal. Aber man muss Anreize schaffen.

Eine letzte gesellschaftliche Frage: Hat mit Facebook, Blog, Twitter oder den Selfies der Selbstdarstellungsdrang zugenommen?

Auch hier möchte ich relativieren. Dazu ein berühmtes Beispiel. Ende des 19. Jahrhunderts hat es sehr seriöse Prognosen gegeben, die besagten: Wenn der Droschkenverkehr derart zunimmt, werden die Strassen bald nur noch mit Rossbollen belegt sein. Stattdessen kam das Auto. Damit will ich sagen: Ich sehe im Internet nichts, was es nicht schon in anderer Form gegeben hätte. Früher war es der postalische Brief, heute das Mail. Die Facebook-Community hat sich früher am Dorfbrunnen versammelt oder am Stammtisch. Und noch heute gibt es die Abendunterhaltung im Dorf, wo Vereinsleute ein Theaterstück aufführen. Und diese Leute muss man vermutlich auch nicht auf die Bühne prügeln. Den Selbstdarstellungsdrang hat es schon immer gegeben. Es gibt heute einfach mehr Möglichkeiten, folglich werden sie auch mehr genutzt.

Sie hegen absolut keine Bedenken bezüglich der sozialen Medien?

Nein, denn die grosse Masse der dortigen Beiträge geht sowieso unwahrgenommen unter, und das wird irgendwann sicher auch zu einer gewissen Ernüchterung führen. Nur eines ist mir unverständlich, dass man so viel von seiner Privatsphäre preisgibt. Aber auch hier: Es ist ein «neues» Medium, deshalb müssen wir erst einmal lernen, mit ihm umzugehen. Zudem gibt es bereits Anzeichen dafür, dass Jugendliche voraus denken, welche Veröffentlichung gut für sie ist und welche nicht. Auch bei Facebook zeigt sich, dass die Zahlen der Nutzung längst nicht mehr so rasant wachsen wie zu Anfang.

leader2

Von den sozialen Medien zur Technik: Wir beziehen das Bahnticket am Automaten, buchen die Ferien im Internet und das Buch lesen wir auf dem E-Book. Werden Menschen vollumfänglich durch Maschinen ersetzt?

Es ist nicht zu bestreiten, dass gewisse menschliche Tätigkeiten der Technik weichen müssen. Was Sie geschildert haben, ist erst der Anfang. Da steht uns noch einiges bevor. Die grosse Frage dabei ist: Wird es genügend andere Jobs geben, oder werden wir uns tatsächlich darauf einstellen müssen, dass Vollbeschäftigung kein zukunftsträchtiges Modell mehr ist?

Und was denken Sie?

Ich denke, wir haben noch etwas Zeit. Im Moment gibt es einen Hype um Internet 3.0 oder was auch immer, erfahrungsgemäss geht es aber immer länger als wir annehmen. Auch bei E-Commerce hat es länger gedauert, als man anfangs geschätzt hat. Und interessanterweise ist auch kein Medium jemals verschwunden. Als der Fernseher kam, sagte man, es gebe bald kein Radio mehr. Einzig das Faxgerät wird um seine Existenz bangen müssen. Das Neue an der aktuellen Entwicklung ist nicht die Technik, die uns ersetzt, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie sich ausbreitet

Das heisst, uns werden in Kürze Roboter bei der Arbeit ersetzen?

Dieser Gedanke ist gar nicht so abwegig, wenn man die Forschung beobachtet. Es wird allerdings auch von der kulturellen Prägung abhängen. Nehmen wir das Älterwerden, das ist in Japan ein grosses Thema. Dort kann ich mir gut vorstellen, dass Roboter die Arbeit der Pflege übernehmen werden aufgrund mangelnden menschlichen Personals. Auch bei Fliessbandarbeiten ist die Maschine oder von mir aus der Roboter durchaus sinnvoll. Wer weiss, vielleicht gibt es irgendwann eine Maschine, die Agenturmeldungen niederschreibt. Aber vermutlich wird sie keinen Hintergrundartikel schreiben können. Es gilt auf jeden Fall sorgfältig abzuwägen, wo dieser technische Ersatz Sinn macht.

Vielleicht wäre der Roboter gar nicht so schlecht, er könnte Büroangestellte ersetzen, damit wieder mehr Junge auf den Bau wollen. Denn die Wirtschaft braucht mehr Handwerker.

Genau das meine ich. Wir müssen uns wirklich überlegen, wo macht der Einsatz von Technik Sinn und wo nicht. Und Ihr Gedanke ist richtig, denn unsere privilegierte Schicht muss an das Handwerk, an die Echtheit unserer Wirtschaft, wieder herangeführt werden.

Die Technik macht uns extrem abhängig. Stürzen der Server und das Internet ab, sind wir aufgeschmissen. Wären wir überhaupt noch in der Lage, ohne die Technik zu leben und zu arbeiten?

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er hätte wohl in keiner Epoche als Einzelgänger überlebt. Abhängigkeit war also schon seit jeher ein Thema. Sei es abhängig von Strukturen, später von der Infrastruktur. Dann kam der Strom. Klar haben wir uns durch die ganze Entwicklung zunehmend in Abhängigkeit begeben, und wenn wir uns nicht als Eremiten zurückziehen wollen, wird sich daran auch nichts ändern. Das Mass ist definitiv gewachsen, aber wie dramatisch es ist, wenn mal was ausfällt, bleibe dahingestellt. Vielleicht müssen wir einfach wieder lernen, in kleineren Dimensionen zu denken. Dazu habe ich eine interessante These eines Komplexitätsforschers gehört. Es ging um die computerisierte Verkehrssteuerung. Dabei stellte sich heraus, dass der grosse zentrale Rechner, der alles überblicken kann, nie funktionieren wird. Wohingegen kleine, unabhängige Einheiten, die sich gegenseitig austauschen, zum Beispiel einzelne Ampeln, eine gewaltige Optimierung des Verkehrsflusses herbeiführen könnten. Ich finde das ein schönes Gleichnis: Wir sind zwar immer noch abhängig, aber durch die kleineren Einheiten wären wir zumindest etwas unabhängiger, weil nicht das ganze System zusammenbricht, sondern nur ein Teil davon. Sie sehen, wir könnten also durchaus noch klügere Lösungen entwickeln.

A propos klügere Lösungen: Werden wir in 30 Jahren nur noch von der Sonne und vom Wind leben und den Abfall für die Energie nutzen?

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es in 30 Jahren aussieht. Aber ich denke, es geht in diese Richtung. Vor allem letzteres ist ein gutes Beispiel: Wir werden lernen müssen, bei der Herstellung eines Apparates automatisch an die Entsorgung zu denken, also nicht 25 Stoffe miteinander zu vermischen, die wir dann nicht trennen können. Und trotz der Anstrengungen von Bertrand Piccard sehe ich es nicht, dass in absehbarer Zeit alle Flugzeuge solar fliegen. Es wird sicher viel passieren in 30 Jahren, sei es in der Stromproduktion oder beim Energiesparen, aber so eine komplexe Entwicklung braucht ihre Zeit.

Nebst Umweltkatastrophen beschäftigen uns Wirtschaftskrisen und Kriege. Die Medien zeichnen eine düstere Welt. Wie sehen Sie das?

Ich finde, wir jammern auf sehr hohem Niveau. Dies hat vermutlich mehr mit der psychischen Verfassung der Leute zu tun als mit der tatsächlichen Lage. Zum Beispiel die AHV, wie oft höre ich meine Altersgenossen klagen, dabei vergessen sie, dass es die AHV vor ein paar Jahrzehnten noch gar nicht gegeben hat. Damit will ich sagen: Wir haben oft ein ausgeprägtes Kurzzeitgedächtnis und vergessen, wie es früher war. Abgesehen von Afrika oder anderen gebeutelten Ländern ist es uns noch nie so gut gegangen wie jetzt. Das sollten wir endlich begreifen und statt an den materiellen Zuwachs wieder vermehrt an die Qualität des Lebens denken, denn hier liegt immenses Potenzial.

Wie gelingt dieses Umdenken?

Ich appelliere an die notorisch Jammernden: Sagt danke, dass ihr hier geboren seid. Denn anderswo hättet ihr wesentlich mehr Grund zu jammern. Zweitens: Angst vor der Zukunft ist keine geeignete Haltung, weil Angst in der Regel blockiert, das ist das letzte, was wir brauchen können. Und das dritte ist: Wir müssen an unserem Zusammenleben arbeiten, an der Lebensqualität. Der Lebensstandard ist quantifizierbar und dummerweise gegen oben offen: Kaum hat man mehr, betrachtet man es schon wieder als selbstverständlich und will noch mehr. Wenn ich von Lebensqualität rede, dann meine ich den inneren Idealzustand,dem wir uns schrittweise annähern können, ohne ihn je ganz zu erreichen. Ein solcher Wertewandel vom Lebensstandard zur Lebensqualität braucht Jahrzehnte, aber ich sehe zumindest Anzeichen in diese Richtung.

Einen gesellschaftlichen Wertewandel hinzubekommen, wird doch sicher mehr fordern als nur Zeit?

Das stimmt. Ich vermisse diese Themen zum Beispiel in den öffentlichen Medien. Sie wären der ideale Bote. Aber es gibt andere Zugangswege, zum Beispiel über Nachhaltigkeit oder Mobilität. Im Wesentlichen muss es aber von unten kommen, also von Einzelnen, die es anderen vorleben. Das Vorleben ist ganz zentral. Und schliesslich unsere positive Haltung: Wir haben schon viele grosse Wertewandel erlebt, daher spricht einiges dafür, auch diesen zu schaffen. Ausser vielleicht bei Grossbanken, da bin ich mittlerweile doch etwas pessimistisch geworden.

Leben wir irgendwann im All oder mit den Wesen aus dem All zusammen?

Ein interessantes Thema. Als ich noch sehr jung war, liebte ich Science Fiction. Wären jene Visionen wahr geworden, würden wir heute alle mit Rucksack-Helikoptern durch die Gegend fliegen, Krankheiten wären ausgerottet und wir wären längst ins All ausgewandert. Kann sein, dass das in 1000 Jahren der Fall sein wird, aber im Moment ist kein solches Ziel in Sicht. In drei Milliarden Jahren, wenn sich die Sonne aufblähen wird und die Erde schluckt, sind wir vielleicht soweit. Aber ob es uns dann noch gibt, ist fraglich. Schauen wir also lieber, dass wir unseren eigenen Planeten in Ordnung halten.

Wir haben über einige  Visionen gesprochen. Welche sollten wir fokussieren?

Es sind für mich diese zentralen Fragen, wie: Was wollen wir eigentlich? Wohin wollen wir? Wir sollten einen Weg finden, der für alle akzeptabel ist. Es kann nicht sein, dass sich einige ausgeliefert fühlen. Es muss immer Alternativen geben. Genau hier liegt die Gefahr, dass wir alternativlos werden, und das macht uns passiv. Wir sollten nicht nur Ausführende der Werte anderer sein. Wir müssen einen Weg finden, nach verschiedenen Vorstellungen leben zu können, ohne dass wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Und wie sollten Unternehmer künftig die Wirtschaft lenken?

Da sie die Zukunftsmacher sind: Wieder mehr Neugierde entwickeln und sich fragen, was geschieht abseits des Mainstreams statt jeder neuenManagementmode hinterher zu rennen. Unternehmer sollten eine eigene Sprache entwickeln. Ein Beispiel dazu: Kein «Customer Relationship Management» mehr, denn man kann Beziehung nicht managen, nur pflegen. Kundenbeziehungspflege gibt es schon, würde aber eine andere Denke voraussetzen. Also nicht den Managementtheorien folgen, sondern eigene Standpunkte entwickeln. Das ist wichtig für die Zukunft. Und wofür ich auch plädiere in der Wirtschaftswelt: Für mehr Time-outs. Dann kommen auch neue Ideen.

Was macht Ihnen Sorgen?

Dass wir vieles passiv hinnehmen und uns Mächten wie Google fügen. Auch die globale Finanzwelt macht mir zu schaffen, sie ist unkontrollierbar geworden und das schafft meines Erachtens ein völlig falsches Anreizsystem. Ich hoffe, wir überlegen künftig wieder vermehrt, was wir wollen, ergreifen dann die Initiative und handeln entsprechend.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie an die Zukunft denken?

Da bin ich jetzt ganz egoistisch: Meine Enkel aufwachsen zu sehen. Letztlich befriedigt das ja auch meine Neugierde, zu sehen, wie es mit unserer Welt weiter geht.

leader3

 

 

Artikel weiterempfehlen