Neue Werte in der Finanzbranche

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Ein Bericht der VfU-Tagung „Wertewandel und Wertepraxis in der Finanzbranche"

Am 15./16. November 2010 fand auf dem Wolfsberg (Bild oben) in Ermatingen am Bodensee der Roundtable des Vereins für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten e.V. (VfU) sowie der UNEP Financial Initiative (UNEP FI) statt. spirit.ch wurde zur Tagung eingeladen und konnte so auch einige Impulse einfliessen lassen.

Zum ersten Mal fand der Anlass in der Schweiz statt. Als Gastgeber fungierte Christian Leitz, Head Corporate Responsibility Management der UBS. Die TagungsteilnehmerInnen kamen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Vertreten waren an der Tagung neben der UBS einige grosse Finanzdienstleister1) und einige Unternehmen waren sogar mit mehreren Personen anwesend, was zeigt, dass den Nachhaltigkeits-Themen entgegen der öffentlichen Wahrnehmung doch immer mehr Stellenwert eingeräumt wird.

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Im folgenden Artikel können natürlich nicht alle der wirklich interessanten Vorträge beleuchtet werden, der Autor des Artikels nahm daher eine absolut subjektive Auswahl vor.

Kompetent und engagiert moderiert wurde die Tagung durch Christoph Santner von „forum Nachhaltig Wirtschaften". Bernd Wagner vom Vorstand VfU präsentierte zu Beginn die Aktivitäten des VfU und erzählte von den Foren „Biodiversität", „Betriebsökologie", „Reputation Risks" „Engagement und Proxy Voting" sowie „Nachhaltigkeitskommunikation und neue Medien". Den Autor dieses Artikels überraschte die breitgefächerte Themenpalette positiv. Der Eindruck wurde im Anschluss bestätigt durch ein wirklich bewegtes und engagiertes Teilnehmerfeld. Kaum eine Person war nur Vertreter/in des eigenen Unternehmens, die meisten sind beseelt, einen wirklichen Wertewandel innerhalb der Finanzbranche aktiv zu fördern.

Paul Clements-Hunt, Head of Unit UNEP FI präsentierte anschliessend in einem mitreissenden Vortrag Zahlen und Fakten zum Klimawandel und die Notwendigkeit, dass Finanz-Dienstleister reagieren müssen. „Lebendige Ethik in Finanzdienstleistungsunternehmen der Zukunft" war das Thema von Dr. Christoph Weber-Berg, Leiter Center for Corporate Social Responsibility, Hochschule für Wirtschaft Zürich. Er plädierte für Verbesserungen auf drei Ebenen der Ethik in der Finanzindustrie. Auf der Ordnungs- und Systemebene wies er vor allem auf das aggregierte rationale Einzelhandeln hin, das zu ethisch unerwünschten Effekten führe. Auf der Organisationsebene versuchte er die volkswirtschaftlichen Rollen der Finanzinstitutionen zu definieren und auf der Personalebene hinterfragte er die Art der Anreiz-Systeme. In seinem Abschluss-Statement plädierte er für eine Tätigkeit mit der Mission: „An unserem Platz Sinnvolles zu tun, für Gerechtigkeit zu sorgen und Verantwortung zu tragen.".

„Protect, Respect and Remedy – Unternehmen und Menschenrechte" - Nils Rosemann, (Menschenrechte und Wirtschaft, Eidgenössisches Department für auswärtige Angelegenheiten, Schweiz EDA) zeigte auf, dass auch Finanz-Dienstleister Verantwortung tragen für die Einhaltung von Menschenrechten. Anschliessend erklärte ein Vertreter von Inrate die Rolle der Nachhaltigkeits-Ratings. Entscheidend ist hier das Finanzierungs-Modell, das sich von klassischen Rating-Unternehmen positiv unterscheidet.

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Prof. Dr. Stefan Schaltegger, Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre und Nachhaltigkeits-management, Leiter des Centre for Sustainability Management (CSM), Leuphana Universität Lüneburg und Irina Detlefsen, Corporate Sustainability Management, HypoVereinsbank zeigten in der Folge das auch Biodiversität in den Unternehmensstrategien abgebildet werden muss und welchen Nutzen dies bringen könnte.

Am Nachmittag folgte ein interessantes Format namens „Future Claims", dass eine „Diskursive Bearbeitung kontroverser Thesen für nachhaltige Entwicklungsszenarios" vorsah und die TeilnehmerInnen zu 5 Thesen in einen „virtuellen Gerichtssaal" zur Verteidigung, Anklage oder gerichtlichen Urteilsfindung zu Nachhaltigkeitsthemen verbannte. Ein spannender Prozess, der Kritiker wie den Autor brachte, zu verteidigen, dass Nachhaltigkeit in 5 Jahren eine zentrale Strategie der Finanzinstitute sein würde. Am Schluss glaubte er selber schon fast daran...


Den nächsten Vormittag mit Inputs der Nachhaltigkeits-Verantwortlichen von ABB, Holcim, Migros und Nestlé, einem Input von Rob Steele, Secretary General, International Organization for Standardization (ISO) sowie einem Input von Prof. Rolf Wüstenhagen, Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, insb. Management erneuerbarer Energien, Universität St. Gallen verpasste der Schreibende (leider) aufgrund eines anderen Meetings.

Dafür konnte er am Nachmittag insgesamt 9 fünfminütige Inputs zu Nachhaltigkeitsthemen geniessen und diese dann in zwei Workshops vertiefen. Den ersten Workshop, den der Autor wählte, beinhaltete das Thema „Social Bonds", ein spannendes Anlage-Produkt, dass die Bayern LB anbietet. Dabei wird im Verhältnis zur Anlage eine lokal orientiert Spende für z.B. ein Kinderheim ausgelöst.

Die anschliessende Diskussion war dann wirklich spannend, denn solche kombinierten Anlageprodukte aus
kommerziellen und philanthropischen Teilen könnten echt spannende Prozesse in einem Finanzinstitut auslösen. So wurde die Kombination eines solchen Social Funds mit MicroFinance intensiv diskutiert und bietet (so die Einschätzung des Autoren) ein enormes Potential.

Der zweite Workshop machte bewusst, dass der Begriff „MicroFinance" nicht nur in einem philanthropischem Markt existiert. Als Fund befriedigt er auch die Interessen von klar profit-orientierten Investoren, die Rendite selbst in „Credits for the poor" suchen. Zwar sind die versprochenen 4% nicht sehr viel Rendite, aber die Wirkung von 26% Zins für die „Begünstigten" schlicht überhöht, auch wenn Währungs-und erhönte Ausfallrisiken bestehen. Und auch wenn die örtlichen Kredithaie 10% am Tag nehmen sollen, wie die Vertreter dieser Micro-Finance Fonds betonen, so hinterlässt das Konzept doch einen leicht schalen Nachgeschmack.

Insgesamt hinterliess die Tagung aber den Eindruck echten Engagements, dass lebendige Hoffnung für die nachhaltige Zukunft der Finanz-Dienstleister weckte. Dank des breiten Teilnehmerfeldes hofft der Schreibende auf baldige Wirkung der Gesprächsresultate. Das eigentliche Thema „Wertewandel" war aus subjektiver Sicht leider etwas untervertreten – da könnte doch noch eine Tagung vertiefter auf das wirklich wichtige Thema eingehen. Passender für die Tagung wäre der Titel „Nachhaltigkeitsmanagement in der Finanzindustrie" gewesen, denn es wurden sehr viele Facetten des Nachhaltigkeitsmanagement gestreift. Ein Dankeschön geht auf jeden Fall an den VfU mit seiner bewegten Crew, die das Thema sehr glaubwürdig vorantreibt und an die UBS als Gastgeber.

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1) Vertreten waren: Allianz, AXA, Bank Sarasin, Bayern LB, Cortal Consors, Credit Suisse, Deloitte & Touche, Deutsche Bank, Generali, HypoVereinsbank, LB Baden-Württemberg, Münchner Re, Sparkassen-Verbände, West LB, WGZ Bank sowie diverse kleinere Unternehmen, Universitäten, Studenten-Netzwerke, Verbände und NonProfit-Organisationen.

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