LQ auf dem Biancograt

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Auch auf schmalem Grat lässt sich Lebensqualität finden...

Ein uralter Text (erschienen im SPHINX-Magazin, August 1986) zeigt, dass Lebensqualität manchmal an den unmöglichsten Orten zum Thema wird.

Von Andreas Giger

Eine Grat-Wanderung ist sprichwörtlich der Weg des Kriegers, die beschwerlich-gefährliche Reise auf einem Weg, der keinen Fehltritt erlaubt. Sie ist konzentriertestes sich Beschränken auf einen schmalen Pfad zwischen unergründlicher Weite des Himmels und abgrundtiefen Schluchten. Im Innern bewegen sich Schamanen auf diesem Pfad, im Äussern der Bergsteiger, doch wie wir wissen, reflektiert das Äussere das Innere und umgekehrt ...

Natürlich bin ich nur einmal auf dem Bianco-Grat unterwegs gewesen, vor langer, langer Zeit. Seitdem haben sich die Erinnerungen daran mit Assoziati nen, Bildern, Empfindungen und Gedanken zu einem neuen Geflecht von Wirklichkeit verwoben, das mit Worten in eine feste Form fliesst, die es nie hatte und nie haben wird. So bin ich nicht auf den Bianco-Grat gestiegen, und so werde ich nie auf den Bianco-Grat steigen, und trotzdem war ich da.

Anziehung

«Meine Traumtour wäre natürlich der Bianco-Grat», höre ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen, als ich mit dem Bergführerbüro in Pontresina tel foniere. Und schon ist ein Führer für die Traumtour gebucht.

Ein kollektiver Traum ist der Bianco -Grat in Bergsteigerkreisen schon lange, und er hatte seine Wirkung auf mich nicht verfehlt. Zum ganz persönlichen Traum aber wurde er drei Jahre zuvor, als ich früh am Morgen auf dem Gipfel des Nachbarberges stand und auf den Grat hinüberschaute. Eine scharf gezogene Linie trennte die im hellen Sonnenlicht liegende Wand von der nachtschwarzen anderen, und diese Linie selbst war perfekt geschwungen, liess etwas durchschimmern von der überirdischen Schönheit anderer Welten.

Der Bianco-Grat wurde für mich zum Grat schlechthin. Und Grate sind es, die mir in den Bergen neue Dimensionen vermitteln. Wände sind einfach aufgestellte Ebenen - ein Grat aber ist ein schmaler Pfad mitten im Himmel, ein Platz zum Gehen, zum Leben, mitten in einer Region des immer präsenten Todes. Links und rechts lockt und droht die Schwerkraft, findet ihren Wiederhall in einem Schwindel in mir, der mehr verkörpert als die Angst vor dem freien Fall, doch vor mir liegt der einzig mögliche Platz, nur Zentimeter breit, für meinen nächsten Schritt, und dieser Platz ruft mich, bis ich vorwärts gehe, Schritt für Schritt.

Ich hatte diese Anziehung immer in mir gespürt, mal schwächer, mal stärker. Und jetzt sollte sich diese Beziehung erfüllen.

Kopf-Hindernisse

Da habe ich mich also für die Bianco- Tour entschieden, immerhin eine anspruchsvolle, schwierige Bergtour - obwohl ich vor zwei Jahren das letzte Mal Steigeisen an den Füssen hatte, obwohl ich mit einer Tour in diesem Schwierigkeitsgrad keine Erfahrungen habe und mit einer etwas leichteren auch nur wenig, obwohl ich kein Konditionstraining gemacht habe. Ich finde mich irgendwie tollkühn, habe Bedenken, ob ich es schaffe, auch Angst vor dem Unbekannten.

Vorstellungen, Erwartungen über die Tour, über mich und meine Möglichkeiten schieben sich wie ein trennender Vor hang zwischen mich und den Bianco -Grat, stimmen mich unruhig und ängstlich. Die Kontrolle der Ausrüstung hilft auch nicht viel. Sie ist notwendig, aber ich weiss, dass der Schlüssel nicht auf dieser Ebene liegt.

On the road

Der dichte Nebel aus Bildern, Vorstel lungen, Ängsten und Erwartungen schwindet im Moment, in dem ich mich in's Auto setze und losfahre, über den Pass in's Engadin. Mit dem Wagen zu einer Einheit verbunden, brause ich durch Täler und über Berge, ohne Gedanken an das, was war, und ohne Ge danken an das, was kommt - einfach mittendrin fliessend im Strom des G schehens.

In Pontresina parke ich meinen treuen Wagen, steige in die Bergstiefel, stapfe in Turnhosen und T-Shirt los. Den Gedanken an die Pferdekutsche für das erste Stück verwerfe ich wieder, will lieber sehen, wie ich mich beim Gehen fühle. Ich kenne die Strecke, habe Vergleichs massstäbe. Und natürlich auch keine, denn jetzt ist jetzt, auch wenn Schatten der Erinnerung auftauchen an das letzte Mal, wo alles ganz anders war. Die Schatten sind leicht, sie kommen und entschwinden wie die Spaziergänger, die zu dieser späten Nachmittagsstunde alle in der Gegenrichtung heimwärts unterwegs sind und mich manchmal erstaunt angucken.

Dann bin ich allein unterwegs, nur der Sturm heult. Keine Bange mehr, ich gehöre in diese grandiose Landschaft, bin Teil von ihr, unterwegs in ihren Räumen, gekommen als ein Fremder und doch gleich heimisch. Meine Schritte, mein Atem, die kurze Rast - alles fliesst organisch, und auch das Keuchen und die Mühe auf den letzten Metern zur Hütte sind weniger gross als auch schon, gehören einfach dazu.

Atem-Schöpfen

Der Hütten-Anstieg hat mein Vertrauen in mich gefestigt. Ich treffe den Bergführer, auch da ist ein guter Kontakt da, auch da entsteht Vertrauen. Das Hütten -Biotop ist mir so fremd und bizarr wie immer. Der Nachbar im Matratzen -Lager schnarcht fürchterlich, ist auch durch heftige Püffe nicht davon abzubringen. Und doch habe ich keine Panik, dass ich zu wenig Schlaf bekommen könnte - ich schlafe, was ich brauche.

Sogar das Aufstehen morgens um drei ist weniger mühsam als sonst. Anziehen, Frühstücken, Packen - träges Fliessen ohne starre Hindernisse. Eine halbe Stunde nach dem Wecken verschluckt die Dunkelheit unsere ersten Schritte, b leuchtet der dünne Strahl der Taschenlampe jeweils gerade den nächsten Schritt.

Die elende Einsamkeit vor dem Auf bruch, die Zweifel an meiner Leistung fähigkeit, die Unbequemlichkeiten der Hütte - und nie wie sonst die bohrende Frage nach dem Sinn, kein Gedanke an Umkehr. Ich bin auf einem Weg, der mich gewählt hat. Es geht los.

Ein-Gang

Die ersten Schritte bei einer solchen Tour sind normalerweise ein Horror -Trip: Einem zähflüssigen Gehirn wollen kalte Muskeln nicht richtig gehorchen, die Sicht ist trügerisch, der Gleichgewichtssinn schläft noch, und so entsteht ein schleppender, stolpernder Gang.

Diesmal nichts von alledem. Die Füsse finden ihren Weg alleine, der Körper ist von Anfang an angenehm warm, der Rhythmus fliessend. Aufwärts im Dunkeln, durch Geröll, über Bäche, Schne felder, höher, ruhig fliessende Energie.

Ein klarer Tag graut und findet uns auf dem Gletscher beim Anseilen. Beste Verhältnisse - wenn nur dieser kalte, starke Sturm nicht wäre. Meine Gedanken sind oben auf dem schmalen, dem Sturm voll ausgesetzten Grat. Trotzdem, wir gehen weiter, «mal sehen, wie es da oben ist».

Ein steiles, hartes Eisfeld. Der ungewohnte Gang auf den vorderen Zacken der Steigeisen macht ängstlich, die Schwerkraft dringt voll ins Bewusstsein. Die Eisschraube von Forti, meinem Bergführer, hat eine ungeheuer beruhigende Wirkung ... Ich gehe aufwärts, gewinne Vertrauen. Es gibt keinen anderen Ort und keine andere Zeit als diesen Steilhang aus Eis, in dem ich hänge, bis es Zeit ist für die Rast an einem ruhigen, sicheren Ort in einem hellen, stürmischen Morgen.

Krabbel-Fliege

Seit vier Jahren habe ich praktisch keine Kletter-Übung, und schon gar nicht mit Steigeisen an den Schuhen. Ein Wunder ist es also nicht, wenn ich wie eine Krabbel-Fliege hochkomme, nicht so fliessend und elegant, wie ich mir meine Bewegung selber wünschen würde. Aber es geht von Fels zu Fels, immer dem Seil vor mir nach, manchmal schön ordentlich gesichert, manchmal sind wir beide gleichzeitig in Bewegung. Der Fels ist saukalt, lässt die Finger klamm werden. Der nächste Schritt, der nächste Griff erfordern totale Präsenz - für Schwindel angesichts der Abgründe ringsum bleibt kein Raum.

Nach diesen Kletterfelsen nochmals eine Rast, vor dem Sturm durch den Fels geschützt. Draussen auf dem beginnenden Grat wird es keine schützenden Felsen mehr geben.

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Leerer Raum

Wir sind die einzige Seilschaft auf dem Grat heute, und werden es auch bleiben. Andere hatten es vorgezogen, bei diesem Sturm umzukehren...

Es war ein einsamer Platz zum Rasten. Doch jetzt treten wir mitten hinein in den leeren Raum.

Es ist ohnehin wenig Platz. Gerade hier am Anfang des Grates, nicht viel mehr als zwei Fuss breit. Doch jetzt will uns etwas auch noch diesen schmalen, einzigen Ort im leeren Raum streitig machen. Wütend fällt ein böiger, unber chenbarer Sturm mit unheimlicher Stärke von der Seite her den tastenden Kör per an, zwingt ihn zu einem Schritt nach links, um das Gleichgewicht zu halten  doch da ist nichts, nur leerer Raum. Tief gebückt, fast auf allen Vieren, kämpfe ich mich vorwärts, aufwärts.

Bald kann ich etwas aufrechter gehen. Stufe um Stufe geht es aufwärts, manchmal ist es wieder unheimlich steil, dann wieder sanfter ansteigend. Der Grat wird jetzt auch manchmal breiter. Der Sturm ist geblieben, aber er wird mehr und mehr zum einfach anwesenden Inhalt dieses leeren Raums wie der Schnee, der Fels, die Berge ringsum, der blaue Himmel und die Sonne - wie wir, unser Seil und unsere Bewegungen. Immer wieder rammen wir den Pickel in den Schnee, um ein bisschen Halt zu finden, viele, viele Schritte lang. Mitten drin, in einem Steilaufschwung, gibt es nichts anderes, doch jedes mal folgt auch ein Moment der Ruhe, der Entspannung.

Als es endlich nicht mehr weiter aufwärts geht, weiss ich, dass das nicht das Ende meines Wegs ist. Ich werde weiter steigen, immer weiter auf dieser Schneebrücke aus gleissendem Licht, mitten hinein in die unendliche Bläue dieses leeren Himmels.

Gipfel ist nur ein Wort

Das Ende des Grats ist noch nicht der Gipfel. Es sind nur wenige Meter Luftlinie hinüber zum eigentlichen Gipfel des Piz Bernina, doch die Querung erfolgt in der Vertikalen, erst hinab zu einer Scharte, dann wieder hinauf, alles durch eine Mondlandschaft aus Felstrümmern. Doch es wird kein elegantes Mondhüpfen. Meine Glieder und vor allem meine Finger sind klamm vor Kälte, kaum in der Lage, einen Sicherungsknoten im Seil zu lösen. So steigt ein steif gefrorener Zom bie langsam und steif hinauf zum Gipfel. Droben bei der Rast kein Stolz, es geschafft zu haben, auf dem höchsten Berg in der ganzen Gegend zu sitzen, auf über viertausend Meter Höhe. Nicht ich habe es geschafft, es ging und stieg und kletterte durch mich hindurch. Unbekannte Energieströme, sonst schlummernd, haben mich hoch getragen. Ich bin müde, aber nicht erschöpft, nur erleichtert, dass es nicht weiter hinauf geht.

Und der Gipfel ist nicht der Endpunkt, nur der Scheitelpunkt einer Welle, die weiter wogt und weiter.

Der Abstieg geht nochmals über einen schmalen Grat, über den es noch immer in starken Schüben weht. Ich bin um jeden Meter froh, den es abwärts geht, froh weiter unten um die Seile von italienischen Alpini, die hier oben Landesver teidigung proben. Endlich kommt ein steiles Schneefeld, vertrautes Gelände, in dem die Schritte zu Sprüngen einer Seele werden, die sich verloren und wieder gefunden hat.

Die Hütte hier oben in dieser gottverlassenen Einöde wird zur Zivilisation schlechthin. Und die Gesetze des Geldes reichen bis hier oben, wo die Büchse Cola zehn Franken kostet. - Pause, Entspannung, - ein Ruhepunkt auf einem unendlich langen Weg.

Der Weg geht weiter

Noch hat die Welt uns nicht wieder. Ein langer Weg liegt noch vor uns. Durch Eiswüsten, unter riesigen Türmen aus Eis vorbei, welche nicht sehr stabil wirken. Lange geht es nochmals aufwärts. Von hinten kommt jetzt der eisige Wind, der uns Schneekörner wie Schrotgeschosse in den Nacken schiesst. Schleppend gehe ich jetzt, auch wenn keine Angst da ist, es nicht zu schaffen. Schnelle Gehphasen, früher oft so wichtig, als Beweis dafür, dass ich meinen Körper, der mich im Stich gelassen hatte, wieder «beherrsche», lösen sich als blosse Gedanken konstruktionen auf, in dieser Wüste hoch über der Welt.

Das Gefühl, endlich abwärts gehen zu können, ist auf überwältigende Weise erleichternd. Auch das letzte Abklettern über die Felsen des Abstiegsgrates wird zur reinen Erholung. Nur ein grässliches Bild eines abgestürzten Bergsteigers, genau auf diesem Grat, lässt sich nicht ganz beiseite schieben. Als auch dieser letzte gefährliche Ort passiert ist, werden meine Sprünge die Schneehalden hinab zu den Freudensprüngen eines eben Geborenen. Der Gletscher, den wir noch queren müssen, quirlt und gluckst und wallt an diesem heissen Sommernach mittag im selben Rhythmus wie die Energieströme in mir.

Die Welt tanzt

Hüttenrast. Geplauder mit einem Bergführer, den ich mal im Wallis getroffen hatte (die bei den einzigen grösseren Touren in zwei Jahren - und beide male Denselben getroffen!), dann folgt die letzte Stunde Abstieg zum Tal.

Die Alpenrosen blühen, die Luft ist wattig-warm, die Bäche rauschen, das Holz riecht sonnenwarm, nichts ist anders als sonst, doch alles wirkt viel tiefer. Ich gehe in einer vertrauten neuen Welt, weil ich die alte für ein paar Stunden verlassen habe. Der Weg dort weit oben im eisigen, leeren Raum kommt mir jetzt unwirklich vor, und doch ist er der unabdingbare Hintergrund für diese intensive, dichte, tanzende Welt um mich herum.

Die Heimfahrt wird nochmals zum Trip. Ich pfeife und singe, die Muskeln wohlig entspannt nach langer, harter Arbeit, der Geist frischer als zuvor.

Meine Seele tanzt mit der Welt.

(Fotos ausnahmsweise nicht vom Autor, sie stammen von einem bekannten Bergphotographen aus Pontersina, bereits aus den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts!)


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